Carlsens Heimat hat eine sportliche Gemeinsamkeit mit Österreich. Norwegen ist nämlich eines von nur drei Ländern weltweit – gemeinsam mit Liechtenstein und eben Österreich – das mehr Olympische Medaillen im Winter denn im Sommer gewinnen konnte. Ein Umstand der sich auch in der medialen Sportberichterstattung niederschlägt. Eine Situation die den Österreichern nicht ganz fremd sein dürfte. Denn der Wintersport ist in Norwegen das unumstrittene Epizentrum jeglichen Interesses.

Im Sommer vielleicht noch ein bisschen Fußball und Radfahren, ein wenig Schwimmen, Handball und Leichtathletik aber dann schon wieder Langlaufen, Biathlon, Skispringen & Co. Umso beeindruckender der Hype um Magnus Carlsen. Eine Sportart ohne Schnee und Eis, und doch wird jede WM-Partie live im staatlichen Fernsehen übertragen! Bis zu sieben Stunden nonstop! Mit Einschaltquoten bei denen sich der Villacher Fasching schwer tun würde mitzuhalten. 1,7 Millionen Norweger (das ist ein Drittel der Gesamtbevölkerung) verfolgen an Spieltagen ihren Magnus.
Umstände die nun sogar beängstigende Ausmaße annehmen.

Denn auch Norwegens Polizisten, Krankenschwestern und Müllmänner lieben anscheinend Schach. So sehr, dass Oslos Bürgermeister gestern nichts anderes mehr überblieb als in der Aftenposten, der auflagenstärksten Tageszeitung des Landes, zu appellieren: "Wenn wir arbeiten, dann arbeiten wir. Okay, man kann mal kurz reinschauen. Aber stundenlang vor dem Schirm zu sitzen, dafür fehlt mir jedes Verständnis. Jeder von uns arbeitet für jemanden in der Stadt. Wer uns braucht, darf nicht leiden, weil unsere Angestellten während der Arbeitszeit die Schachweltmeisterschaft verfolgen."

Ob die Standpauke gefruchtet hat oder die Norweger enttäuscht auf Grund der gestrigen Niederlage die TV-Geräte heute haben auskühlen lassen sei dahingestellt. Fakt ist, dass die WM nun zu Beginn der vierten Partie – es steht 1,5 zu 1,5 – wieder bei Null beginnt. Wobei nicht ganz. Denn immerhin hat Magnus Carlsen heute den minimalen "Weiß-Vorteil" auf seiner Seite. Was macht er daraus?
Zunächst nicht all zu viel. Der Norweger wählt wieder, wie bereits in der zweiten Partie, e4 als Eröffnungszug und Vishy antwortet nun so, wie es viele Fans bereits am Sonntag erwartet haben – mit der Sizilianischen Verteidigung. Nach dem Abgelehnten Damengambit gestern, ein weiterer, großer Klassiker der Eröffnungstheorie. Carlsen versucht früh von den all zu bekannten Hauptvarianten abzuweichen, spielt im dritten Zug g3 und hofft so das Spiel zu beruhigen und unter Kontrolle zu bringen. Was ihm gelingt. Das Tempo ist draussen, das Spiel nahezu neutralisiert. Nach eineinhalb Stunden und ca. 15 Zügen, haben beide Spieler eine Position erreicht mit der sie zufrieden sein können.

Nun war die Frage: "Wer kann damit besser umgehen?" Gerade als man diese Frage mit "Vishy Anand" beantworten möchte, zieht dieser 21. … Lxd5. Kein Fehler aber der Inder gibt Carlsen damit etwas Raum für dessen Ideen. Anand wartet auf einen Angriff. Doch der Titelverteidiger verzichtet klug auf rüde Attacken und spielt stattdessen eine Reihe schöner, ruhiger Züge. Er festigt so seine Stellung und manövriert sich in eine aussichtsreiche Position. Langsam wird es für Schwarz unangenehm. Zwar nicht beängstigend, aber sicher nicht nach dem Geschmack Anands. Nun spielt der Herausforderer seinerseits höchst präzise und entschärft Zug um Zug die Situation.

Anand wirft in unregelmässigen Abständen ganz kurze, verstohlene Blicke über den Goldrand seiner Brille in Richtung Magnus. Als wolle er irgendeinen Hinweis über sein Gegenüber erhaschen. Hinweise sollte er aber nur auf dem Brett bekommen. Nach fünf Stunden Spielzeit stehen auf diesem noch jeweils die Dame und vier Bauern. Anand findet schließlich Dd2, einen Zug der die letzten seiner Problem beseitigt. Wenige Züge später einigt man sich nach einem sehr intensiven und komplexen Speil auf ein Remis.
Morgen ist Ruhetag in Sotschi und der Bürgermeister von Oslo kann ein wenig durchatmen.