Sochi. "Vishy" ist zwar seit letztem Jahr nicht mehr amtierender Weltmeister und es sind auch schon ein paar Tage vergangen, seitdem er die Weltrangliste angeführt hat. Doch ein Superlativ wird Viswanathan Anand immer noch gerne zugeschrieben. Nämlich einer der Besten, wenn nicht der Beste zu sein, wenn es um die Eröffnungsvorbereitung geht.

Am Dienstag führte der Inder wieder die weißen Steine. Im "Abgelehnten Damengambit" entwickelt sich erst alles wie gewohnt und das auch relativ schnell. Doch dann will Magnus Carlsen die Partie ganz bewusst und möglichst früh von jenem Weg abbringen, den Anand gewählt hat. Und es gelingt ihm.

So überrascht der Weltmeister den Herausforderer schon ein wenig mit seinem fünften Zug (dies allerdings ein schon begangener Pfad). Und dann so richtig mit einem unkonventionellen 9. Zug. Er schiebt den Turm auf e8. Anand hält inne. Nimmt sich Zeit. Fast eine Viertelstunde.

Der Norweger zeigt, dass auch er (und sein Team) zur perfekten Eröffnungs-Vorbereitung fähig ist. Anands Vorteil verflüchtigt sich langsam, seine Zeitpolster schrumpft. Im Gegensatz zu Carlsen hat er bereits eine Stunde weniger auf der Uhr. Die Stellung ist aber unkompliziert, sodass die Bedenkzeit kein Problem für den Inder darstellt.

Nach 20 Zügen hat Carlsen den Weiß-Vorteil von Anand endgültig neutralisiert und bewiesen, dass alles, was er bis zu diesem Zeitpunkt auf's Brett gestellt hat, egal wie eigenartig es vielleicht auf den ersten Blick aussah, sehr gut vorbereitet war. Möglicherweise wurde Schachgeschichte geschrieben: Über das ein oder andere interessante Novum, die Eröffnungslehre des "Abgelehnten Damengambits" betreffend, diskutieren die Experten bereits. Die Mär, Carlsen sei ein theoriefaules Genie, ist einmal mehr widerlegt.

Nach 23 Zügen verlassen auch die Damen das Spielfeld. Und mit je einem Springer und einem Läufer hat sich die Partie nach zwei Stunden recht schnell totgelaufen. Ein wenig später sind auch noch die Rösser verschwunden. Da die Bauernstruktur unspektakulär symetrisch ist, einigt man sich schließlich nach 41 Zügen auf ein friedliches und für Carlsen mühelos erreichtes Remis.

Nachdem die WM am Montag das bislang längste Spiel erlebt hat, folgte am Dienstag mit einer Dauer von zweieinhalb Stunden die bis dato kürzeste Partie. Der Manager von Magnus Carlsen, Espen Agdestein, brachte es auf den Punkt: "Vielleicht ein langweiliges Spiel für die Zuseher, aber ein super Spiel für Magnus!"

Denn was den weiteren Verlauf des Matches betrifft, spielt dieses Unentschieden natürlich Carlsen in die Karten. Die Vorteile für den Titelverteidiger werden jetzt von Tag zu Tag augenscheinlicher. Einerseits wird die Zahl der noch ausstehenden Spiele immer kleiner und Carlsen führt nach wie vor mit einem Punkt. Andererseits hat der Norweger gezeigt, dass er das gefürchtete Eröffnungsspiel Anands inzwischen locker neutralisieren kann.

Hat Anand noch irgendeinen Trumpf im Ärmel? Falls ja, muss er ihn bald ausspielen, sonst hat er ausgespielt.