Sotchi. Wer heute in der norditalienischen Region Emilia-Romagna den kleinen Fluss Rubikon quert, dem sollte nichts passieren. Doch dies war nicht immer so. Man sieht dem unscheinbaren Gewässer, das südlich von Ravenna in die Adria mündet, die historische Bedeutung nicht an.

Bekanntheit erlangte der Rubikon während des römischen Bürgerkriegs. Bereits mit dem Anmarsch von Gallien nach Italien zeigte Gaius Iulius Caesar dem Senat, der ihn entmachten wollte, dass er eine militärische Entscheidung suchte. Als Caesar schließlich den Grenzfluss Rubikon am 10. Januar 49 v. Chr. mit 5000 Soldaten überschritt, brach er entschieden ein Gesetz. Ein Rückzug kam danach nicht mehr in Frage. Dort und damals soll er übrigens auch "Alea iacta est" gesagt haben: "Der Würfel ist geworfen worden."  Es wird für gewöhnlich mit "Die Würfel sind gefallen" übersetzt.

Bis heute steht der Ausdruck "den Rubikon überschreiten" dafür, sich unwiderruflich auf eine riskante Handlung einzulassen. In der englischsprachigen Geschichtswissenschaft auch bekannt als "Point of no Return".

An diesem "Point of no Return" sahen viele Experten nun auch Viswanathan Anand angelangt. Zu Beginn der zehnten Partie lag der Herausforderer einen Punkt zurück, und noch drei Partien lagen vor den Spielern. Anand durfte am Freitag wieder mit den weißen Steinen anziehen. Zum vorletzten Mal. Wenn er sich seine Chance, das Match noch auszugleichen, nicht für die allerletzte Partie aufheben möchte, dann sollte er jetzt in die Vollen gehen. Da es die Kommentatoren in Sotschi mit dem Kegelsport nicht so haben, fiel stattdessen der ebenfalls treffende Poker-Terminus "All In". Viele meinten, an diesem Freitag wäre es nun so weit, Anand würde "All In" gehen.

Nach "Vishys" Eröffnungszug d4 landete man bald in der "Grünfeld-Indisch"-Eröffnung. Genau wie in der ersten Partie zu Beginn der WM, vor fast genau 2 Wochen. Doch diesmal entschied sich Anand für die Russische Variante. Eine Wahl, die Carlsen für den Bruchteil einer Sekunde mit einem skeptischen Stirnrunzeln kommentierte. Anand hielt zunächst, was viele sich von ihm versprachen, indem er eine sehr scharfe und komplizierte Linie wählte. Er musste Carlsen beschäftigen, möglichst viele Figuren möglichst lange am Brett halten, um Möglichkeiten für Patzer zu generieren. Auch auf die Gefahr hin, selbst einen Fehler zu begehen.

Anand will ein kompliziertes, verworrenes und vor allem zweischneidiges Spiel aufziehen. Doch bald musste sich "Vishy" eingestehen, dass die Überraschungen, die er aufs Brett zu bringen hoffte, nicht so groß waren, um Carlsen, der sich sehr präzise verteidigte, ernsthaft in Gefahr zu bringen. Anand saß zwar am Drücker, aber nicht so sehr wie erhofft.  Er hatte dank eines Freibauern im Zentrum leichte Initiative, doch als er diesen nicht halten konnte und das Spiel sich Richtung Doppelturmendspiel bewegte, war die Partie am Ende völlig ausgeglichen. Nach etwa drei Stunden, im 32. Zug, einigten sich die beiden Spieler erneut auf eine Punkteteilung. Doch dieses Remis ist ein Sieg für Carlsen.

Am Sonntag, nach dem Ruhetag, könnte nun Carlsen mit seiner letzten Weiß-Partie "All In" gehen. Der Norweger hat seinen ersten Matchball. Denn gewinnt er die 11. Partie, kann er sich bereits vorzeitig zur Verteidigung des Weltmeistertitels gratulieren lassen und erspart sich das 12. und letzte Spiel am kommenden Dienstag.

Der Würfel ist zwar geworfen worden, gefallen ist er indes noch nicht.