vor dem Gesetz sind alle gleich. So gab es am 2. Juni am Wörthersee einen Bootsunfall, bei dem ein Mann getötet wurde, wegen der Schädelverletzungen offenkundig durch die Bootsschraube. Der Bootslenker, ein in der Öffentlichkeit bekannter 44-jähriger Unternehmer aus Niederösterreich, war betrunken, 1,2 Promille. Das gleichaltrige Opfer fiel beim fidelen Zickzackfahren aus dem Boot.

Nun gibt es beim "Mann-über-Bord-Manöver" strikte Vorschriften, beim Motorboot gehört rückwärts fahren nicht dazu. Auch beim Segeln wird ein sogenannten "Achter" gefahren, um den im Wasser befindlichen nicht zu gefährden. Der tatverdächtige Bootslenker (für ihn gilt die Unschuldsvermutung) wird namentlich nicht veröffentlicht. Der Name wird zwar bei der – wohl unvermeidlichen – Anklageerhebung bekannt, im Mediengesetz gilt aber auch der § 7a, der Tatverdächtigen bei Verletzung der Schutzwürdigkeit Entschädigungsanspruch ermöglicht. Die "Wiener Zeitung" hat sich daher entschlossen, den Namen auch weiterhin nicht zu nennen, um möglichen Schaden vom Verlag abzuwenden.

Es sei aber auf gewisse Unterschiede hingewiesen. Ein ebenso wenig angeklagter Ex-Kern-Wahlberater wird ohne Genierer mit vollem Namen genannt - parteipolitische Hinweise würde es auch beim tatverdächtigen Bootslenker geben. In anderen Fällen wiederum nennt die Polizei Vorname und den Anfangsbuchstaben des Nachnamens der Tatverdächtigen.

Im Fall des Wörthersee-Unfalls gehen die Ermittlungsbehörden mit besonderem Fingerspitzengefühl vor. Die "Wiener Zeitung" hofft nun, dass Polizei und Staatsanwaltschaften künftig auch in allen anderen Fällen mit der gleichen Behutsamkeit vorgehen. Denn vor dem Gesetz sind alle gleich, nicht nur jene, die über ausgezeichnete Kontakte verfügen.

Mit freundlichen Grüßen,

Reinhard Göweil

Chefredakteur