Aber die Phase der Zusammenarbeit zwischen den drei staatsgründenden Parteien und die ungeteilte Freude über den 12. November als Gründungsdatum der Republik währte nicht lange: Noch vor dem Sommer 1920 zerbrach die Koalition zwischen den Sozialdemokraten und den Christlichsozialen.

Der Staatsfeiertag
im Wandel der Zeit

In einer letzten großen, gemeinsamen Anstrengung gelang es noch, ein Einvernehmen über die neue österreichische Bundesverfassung zu erzielen, die am 1. Oktober 1920 einstimmig beschlossen werden konnte. Aber bei den nachfolgenden Nationalratswahlen vom 17. Oktober 1920 wurden die Christlichsozialen zur stärksten Partei im Nationalrat, bildeten eine "bürgerliche" Koalitionsregierung und die Sozialdemokraten landeten in der Opposition. Die politischen Spannungen zwischen Links und Rechts in der jungen Republik vergrößerten sich. Auf der rechten Seite des politischen Spektrums wuchsen die Zweifel an der demokratischen Republik und im selben Ausmaß reduzierte sich die Freude über den 12. November 1918. Der Nationalfeiertag entwickelte sich in wachsendem Maße zu einem Feiertag, der nur von der einen Hälfte der Bevölkerung gefeiert wurde, während ihm die andere Hälfte der Bevölkerung immer distanzierter gegenüberstand.

In der autoritären Verfassung vom Mai 1934, die nach der Ausschaltung des Nationalrates zum Zweck der Errichtung eines autoritären Ständestaates am 1. Mai 1934 erlassen wurde, kam weder das Wort "Demokratie" noch das Wort "Republik" vor. Österreich wurde von einer demokratischen Republik zu einem "Bundesstaat Österreich" und der 1. Mai, nämlich der Geburtstag dieser autoritären Verfassung, wurde anstelle des 12. November zum neuen Staatsfeiertag erklärt. Ein Staatsfeiertag, der nie im Bewusstsein der österreichischen Bevölkerung verankert war. Mit dem Untergang Österreichs durch den sogenannten Anschluss an Hitlerdeutschland im März 1938 ist auch dieser "Staatsfeiertag" untergegangen und die gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, nach der Niederlage Hitlers gegründete Zweite Republik Österreich hatte zunächst keinen Staatsfeiertag.

Erst nach Abschluss des österreichischen Staatsvertrags und der vollen Wiederherstellung der staatlichen Souveränität und Selbständigkeit Österreichs begann man wieder über einen Staatsfeiertag oder Nationalfeiertag nachzudenken, wobei die Sozialdemokraten, die am 12. November 1948 - also zum 30. Geburtstag der Republik - eine große Republikfeier veranstaltet hatten, am liebsten wieder auf den 12. November
als österreichischen Staats- oder
Nationalfeiertag zurückgegriffen hätten.

Mit diesem Gedanken konnte sich aber die ÖVP nicht anfreunden. Somit kamen zunächst der 27. April, nämlich der Gründungstag der Zweiten Republik, oder der 15. Mai, also der Tag des Abschlusses des Staatsvertrages, in Frage. Schließlich machte aber ein "Außenseiter" das Rennen, nämlich der 26. Oktober, also der erste Tag nach dem Abzug aller ausländischen Besatzungstruppen, der auch der Tag der Beschlussfassung des Verfassungsgesetzes über die österreichische Neutralität war.