Wohlstand macht müde

Ist es nicht eher die Tatsache, dass diese Menschen versuchen, mit künstlerischen Mitteln ihr Leben zu bewältigen, das oft politische und soziale Probleme prägen? Dass es ihre letzte Zuflucht ist, ihre Verteidigung, dass es ihnen auf existenzielle Weise ernst ist mit dem, was sie tun? Es fehlt ihnen der Zynismus der Zerstreuungsindustrie. Es wäre ein Missverständnis, daraus zu schließen, dass man politische und ökonomische Probleme braucht, um interessante Filme zu machen oder Bücher zu schreiben.

Aber Wohlstand macht müde und lähmt den Widerspruchsgeist. Und nie war Europas Wohlstand größer als heute. Wovon erzählen wir denn und für wen? Für einen Konsumenten, den uns die Unterhaltungsprofis Amerikas und Asiens längst weggenommen haben? Für Kinder, die süchtig nach Märchen sind? Oder für ein Du, das wir genauso ernst nehmen, wie wir selber genommen werden wollen? Ich glaube, dass das die Frage ist, die ich mir im Schutze finanziellen Behütetseins stellen muss, will ich mich auch noch morgen ohne Verachtung im Spiegel anschauen. Wer ist das Du, an das wir uns richten?

Von Kunst zu sprechen - und wir führen dieses Wort ja nur allzu gern im Munde, um die Subvention, die wir genießen, zu rechtfertigen -, ist nur dem erlaubt, der seinen Rezipienten als autonomes, als selbständig denkendes Wesen akzeptiert. Als Partner auf Augenhöhe. Das große europäische Kino hat das immer getan. Es gibt, denke ich, in aller Kunst eine Verpflichtung zur Wahrhaftigkeit. Und - wie schon eine große österreichische Dichterin sagte: "Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar."

Kraft der bewegten Bilder

Ich möchte eine kleine Anekdote erzählen: Vor mehr als sechzig Jahren, also wenige Jahre nach dem Krieg, hat Dänemark eine Einladung an jene Länder gesandt, die den Krieg verloren hatten. Es hat Kinder aus den Ländern eingeladen, die sich noch kurz vorher als barbarische Feinde gezeigt hatten, um deren Hunger zu lindern. Ich war eines dieser Kinder. Im Vorschulalter, zum ersten Mal von zu Hause weg, und Dänisch nicht sprechend, war ich trotz der liebevollen Fürsorge meiner Zieheltern sehr einsam und unglücklich. Um dieses Unglück zu mildern, führte man mich zum ersten Mal in meinem Leben ins Kino. Ich erinnere mich noch genau: Es war ein langgestreckter Saal mit seitlichen Türen ins Freie. Der Film spielte in der afrikanischen Savanne, und die Tiere begeisterten mich über die Maßen. Dann, plötzlich, war der Film zu Ende, das Licht ging an, und die Türen auf die inzwischen nächtlich dunkle Straße öffneten sich. Und ich verstand nicht, wie ich so schnell aus dem sonnendurchfluteten Afrika in den abendlichen Regen von Kopenhagen kommen konnte.

Ich habe dieses beeindruckende und irritierende Gefühl anschließend bald vergessen und erst sehr viel später, als ich mich mit der Wirkung von Medien zu beschäftigen begann, fiel es mir wieder ein, und ich begriff, dass in diesem Kinoerlebnis ein ganz wichtiger Baustein meiner beruflichen Entwicklung steckt. Ich hatte die unglaubliche Kraft der bewegten Bilder erfahren, ihre Möglichkeit der Verzauberung wie der Entmündigung - ein Erlebnis, das heute, wo Fernsehen und Computer schon im vorsprachlichen Alter zur täglich erlebten Selbstverständlichkeit gehören, kaum noch nachzuvollziehen ist. Es hat mich darauf aufmerksam gemacht, wie viel Verantwortung von jenen gefordert ist, die diese Bilder schaffen.