Die angewandte Wissenschaft hat verstanden, dass sie in der Umsetzungsdebatte eine zentrale Rolle wahrzunehmen hat. Die österreichische Klimaforschung, organisiert vom Climate Change Centre Austria (CCCA), begleitete im heurigen Oktober den "Talanoa-Dialog," der voriges Jahr auf der Klimakonferenz "COP23" in Bonn von der Fidschi-Präsidentschaft eingeführt wurde, um prozessualen Konsens zur Dringlichkeit von Aktionen zu erzielen. Privatwirtschaft, Verwaltung, Zivilgesellschaft und Wissenschaft stellten sich in diesem strukturierten Dialog in Wien der Frage, wie die globalen Erkenntnisse des IPCC national und lokal umgesetzt werden könnten.

Eine weitere Idee des fokussierten Dialoges, die zunehmend Anklang findet, besonders in EU-Staaten: In "Politiklaboratorien" werden Politikmaßnahmen gemeinsam von Experten, Entscheidungsträgern und Verwaltung nicht nur entwickelt, sondern auch experimentell auf ihre Wirksamkeit getestet. So experimentierte der staatliche finnische Innovationsfond Sitra für das finnische Parlament eine Vielzahl von Optionen zur Stärkung der Rolle der Kreislaufwirtschaft im Kampf gegen den Klimawandel. Zu den getesteten Ideen und Maßnahmen gehören eine viele stärkere Verwendung lokal produzierter Nahrungsmittel, der Einsatz forstwirtschaftlicher Reste als Brennstoffe und die strategische Positionierung Finnlands als Vorreiter in diesem Aktionssegment.

Modellregionen alleine sind zu wenig

In Österreich gibt es schon eine Vielzahl aktionsorientierter Prozesse auf regionaler Ebene. In 91 Klima- und Energiemodellregionen und 20 Klimawandel-Anpassungsmodellregionen diskutieren und innovieren Bürgermeister, Vertreter der Zivilgesellschaft und des Privatsektors mit Wissenschaftern. Letztere tragen die Evidenz zusammen und entwickeln partizipative Zukunftsszenarien, um etwa die Energiewende in Niederösterreich und Oberösterreich ökologisch nachhaltig zu gestalten oder auch nötige Anpassungen etwa mit Blick auf zunehmende Überschwemmungsereignisse in Osttirol effizienter mit der Regionalplanung zu verbinden. Immer öfter geschieht dies unter Berücksichtigung spielerischer Dialogelemente zur Kompromissfindung, um Gemeinsamkeit zu betonen und gegenseitiges Verständnis zu erzeugen.

Jedoch müssen auch die großen Stellschrauben im Auge behalten werden, denn wenn alle nur ein wenig unternehmen, wird der Klimawandel nur ein wenig eingebremst, die Klimakatastrophe somit nur hinausgezögert. Damit die angestoßenen Prozesse auf globaler und lokaler Ebene adäquat "liefern" können, braucht es entsprechende Rahmenbedingungen - allen voran eine ökologische und sozial nachhaltige Steuerpolitik, die eine höhere Bepreisung von fossilen Brennstoffen geschickt mit sozialen Ausgleichsmaßnahmen kombiniert. Wissenschaftliche Gremien wie IPCC und APCC sowie Netzwerkorganisationen wie das CCCA haben auch hierzu viel an Wissen zusammengetragen und können entscheidend zur Umsetzung des notwendigen gesellschaftlichen Wandels in der Praxis beitragen.

Wird dieses Wissen gezielt genutzt, kann eine adäquate Reaktion auf den Klimawandel auch eine enorme Chance sein. So spart die gezielte thermische Sanierung von Gebäuden nicht nur Energie im Winter, sondern reduziert auch im Sommer den Hitzestress und damit das Sterberisiko. Und eine Mobilitätswende in urbanen Zentren hin zu mehr aktiver Mobilität bedeutet mehr gesundheitsförderliche Bewegung und weniger Luft- und Lärmbelastung. Das bedeutet einen Zugewinn an Gesundheit, reduzierte Gesundheitskosten und mehr Lebensqualität für uns alle.