Es ist Mode geworden, den Niedergang ländlicher Regionen wortreich zu beschreiben und die fehlende Infrastruktur, wie Verkehrsverbindungen, Nahversorgung oder Bildungseinrichtungen, zu beklagen. Alois Brandstetter, Literaturjuwel in Österreich, der heuer die Vollendung seines 80. Lebensjahres feierte, hat sich in seinem Roman "Zur Entlastung der Briefträger" auch mit diesem Thema beschäftigt.

Die Bevölkerung Österreichs wächst gemäß Prognosen der Statistik Austria rascher als erwartet. Bereits im Jahr 2030 könnte die Einwohnerzahl 9,3 Millionen erreichen. Die großen Gewinner sind die Städte, vor allem Wien, Salzburg und Graz. Zu den Verlierern zählen, wie derzeit festzustellen ist, kleinere Gemeinden in benachteiligten ländlichen Gebieten, wie etwa Murau, Tamsweg oder auch Gebiete im Waldviertel. Derzeit leben 4,5 Millionen Menschen in rund 2100 Gemeinden im ländlichen Raum.

In einer Zeit, als die Agrarpolitik noch stark auf die Verbesserung der Markt- und Einkommensverhältnisse ausgerichtet war, gründete 1972 der damalige Direktor des Österreichischen Bauernbundes, Sixtus Lanner, langjähriger ÖVP-Abgeordneter im Nationalrat und Generalsekretär der Volkspartei, die Arbeitsgemeinschaft Ländlicher Raum. Seine Bedeutung als Standort für die Land- und Forstwirtschaft, Ernährungssicherung, die Produktion nachwachsender Rohstoffe, Kulturlandschaft und Umweltschutz ist heute unbestrittenes und konsensfähiges politisches Programm. "Nicht jammern, sondern handeln", war stets Motto der AG Ländlicher Raum, das im Mittelpunkt von 30 Bürgermeistertagen zu allen aktuellen Themen der Kommunal- und Regionalpolitik stand. Sie fanden zwischen 1989 und 2018 in Wieselburg statt.

Mit der Publikation "Der Zukunft auf der Spur" zieht Lanner zusammen mit seinem Mitorganisator, dem Schreiber dieser Zeilen, Bilanz über viele Vorschläge für einen lebenswerten und attraktiven ländlichen Raum. Dazu zählen moderne Informationstechnologien und eine digitale Infrastruktur für die Gemeinden. Ein wichtiges Anliegen wäre auch die Anpassung des geltenden Finanzausgleichs, der kleinere Orte benachteiligt. Die Sicherstellung der Finanzierung für das Gesundheitssystem und die Ärzteversorgung sind ebenso vordringlich wie die Zusammenarbeit zwischen den Kommunen, etwa im kulturellen Bereich oder bei der Führung von Bauhöfen.

Gemeinden schaffen Heimat. Sie sind Erhalter von 4500 Pflichtschulen und Betreiber von 1800 Betreuungseinrichtungen. Es gilt, fast 90.000 Kilometer Gemeindestraßen zu erhalten und die Funktionsfähigkeit von 89.000 Kilometern an Kanalnetzen zu sichern. Mehr als 60.000 Gebäude stehen im Eigentum der Gemeinden, und mehr als 90 Prozent der Drei- bis Fünfjährigen werden in Kindergärten betreut.

Um eine weitere Ausdünnung ländlicher Siedlungsgebiete zu verhindern, sind eine sinnvolle Aufgabenreform zwischen den Gebietskörperschaften sowie die Finanzierung der Leistungen in den Bereichen Kinderbetreuung, Pflege und Flüchtlingsbetreuung in einem fairen Dialog mit der Kommunalpolitik vordringlich.