In den durchschnittlich 80 Jahren, die eine Europäerin lebt, isst sie ungefähr 120.000 Mal. Zehn Jahre unseres Lebens verbringen wir mit Einkaufen, Kochen und dem Verzehr von Mahlzeiten. In Anbetracht der zentralen Rolle, die Essen in unserem Alltag spielt, ist es ziemlich unverständlich, dass die Politik den Zugang zu gesunden und nahrhaften Lebensmitteln nicht sicherstellen kann. Die Art und Weise, wie unser Essen hergestellt, verarbeitet und gehandelt wird, kann uns nicht zufriedenstellen.

Täglich sperren in der EU ein paar hundert Bauernhöfe zu. Landflucht und Strukturschwäche in ländlichen Räumen sind ein wachsendes Problem. In beinahe allen Lebensmitteln, die auf dem Markt sind, können Pestizide nachgewiesen werden. Unser Essen wird rund um die Welt gekarrt, um Profite zu maximieren. Tiere werden in zu kleine Ställe gepfercht und im Alter von wenigen Wochen geschlachtet, damit unser Hunger nach Fleisch gestillt wird. Die Fleischproduktion hat sich in den vergangenen 45 Jahren verdreifacht. Extremes Übergewicht stellt mittlerweile eines der größten Gesundheitsprobleme dar und ist unter anderem auf zu viel Fett und Zucker in unserem Essen zurückzuführen.

Olivier de Schutter war Sonderberichterstatter der UNO für das Recht auf Nahrung und ist Co-Chair des IPES Food (www.ipes-food.org). - ©Tineke D'haese
Olivier de Schutter war Sonderberichterstatter der UNO für das Recht auf Nahrung und ist Co-Chair des IPES Food (www.ipes-food.org). - ©Tineke D'haese

Die EU zahlt Steuergelder an Großbetriebe und finanziert Monokulturen, die für dramatische Biodiversitätsverluste, degradierte Böden und verschmutzte Gewässer verantwortlich sind. Drei Viertel der genetischen Vielfalt bei Pflanzen gingen in den vergangenen hundert Jahren verloren, weil die intensive Landwirtschaft auf genetisch einförmigen Hochleistungssorten beruht.

All das macht klar: Wir müssen jetzt handeln, um unser Gemeinsames Agrarsystem in ein Gemeinsames Lebensmittelsystem überzuführen - ein System, das gesundes und hochwertiges Essen für die Bürger und Bürgerinnen Europas bereitstellt und den Bäuerinnen und Bauern eine Perspektive gibt.

Die nächste Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) wird das Lebensmittelsystem in der EU für viele Jahre gestalten. Diese Reform kann nur erfolgreich sein, wenn die Agrarpolitik neu ausgerichtet wird, wenn sie in einen veränderten Rahmen gestellt wird und auch neu "gebrandet" wird, um die Bedürfnisse und Erwartungen der Bürgerinnen und Bürger zu erfüllen. Die neue GAP muss die Nachfrage nach gesundem, hochwertigem und vielfältigem Essen decken. Und sie muss den ökologischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Herausforderungen, vor denen der europäische Landwirtschaftssektor steht, entgegentreten können.

Die Reformvorschläge der EU-Kommission werden all diesen Erwartungen und Herausforderungen in keinster Weise gerecht. Das Problem der GAP sind nicht nur ihre negativen Konsequenzen, sondern auch und vor allem die Ziele, Maßnahmen und Instrumente, die ihr fehlen. Das, was fehlt, kann die GAP als Agrarpolitik aber gar nicht leisten. Europa braucht eine Gemeinsame Lebensmittelpolitik. Fünf Gründe, warum dieser Wechsel notwendig und die Zeit dafür reif ist:

1. Politik auf einer Linie für ein gemeinsames Ziel

Die Art und Weise, wie wir Lebensmittel produzieren (und was wir essen), wird von einer breiten Palette von Politikbereichen beeinflusst: Landwirtschaft, Handel, Gesundheit, Konsumentenschutz, Wissenschaft und Forschung, Umwelt, Bildung und Soziales spielen alle eine Rolle. Zur Zeit wird da in völlig verschiedene Richtungen gezogen - es werden unterschiedliche Ziele gesetzt und mögliche Synergien außer acht gelassen. Zum Beispiel: Obwohl sie angeblich mit Klima- und Entwicklungspolitik konform geht, setzt die EU-Agrarhandelspolitik Anreize dafür, dass der Milch- und Fleischsektor neue Exportmärkte erschließt. Die GAP bietet Jungbauern finanzielle Unterstützung an, gleichzeitig schießen die Bodenpreise durch das flächenabhängige Fördersystem in die Höhe und erschweren somit den Zugang zu Land. Eine Gemeinsame Lebensmittelpolitik, die ein gemeinsames Ziel voranstellt, kann diese Politikbereiche unter einen Hut bringen.