Wissenschaftliche Auseinandersetzungen darüber, was Toleranz und Werte sind und was sie bedeuten, bringen heutzutage wenig, wenn es dabei nicht zu einem öffentlichen Diskurs kommt. In der aktuellen empirischen Studie "Integrationsthema Toleranz" wurden rund 1000 Jugendliche im Alter zwischen 15 und 25 Jahren empirisch untersucht. Mit 71 von ihnen wurden vertiefende Interviews geführt. Befragt wurden Jugendliche, die in einem Drittstaat geboren wurden und ihren Lebensmittelpunkt in Österreich haben. In der Studie ging es im Prinzip um die Ermittlung der Offenheit und Toleranz ihrer neuen Heimat gegenüber - mit dem Ziel, stichhaltige Erkenntnisse zu gewinnen, damit wir unsere Meinung über Flüchtlinge und Einwanderer nicht bloß aus dem Arsenal diverser Stereotypen und nicht aus dem Fundus unserer selektiven, subjektiven Erfahrungen holen müssen. Wobei der Verfasser selbst davon ausgeht, dass die Entscheidung darüber, was in der Gesellschaft als wertvoll und tolerierbar gilt, letztlich in öffentlichen Austauschprozessen geschieht oder geschehen sollte und nicht in diversen Gremien.

Christen und Religionslose sind tendenziell proeuropäischer

In diesem Sinne werden hier einige der bisherigen gesellschaftsrelevanten Ergebnisse zusammengefasst. Die Mehrheit der untersuchten Jugendlichen ist jedenfalls - so die erste Erkenntnis - proeuropäisch eingestellt. Zum Beispiel sind rund 60 Prozent der befragten Jugendlichen im Prinzip demokratisch gesinnt, und rund 83 Prozent ist die Freiheit, die es in Österreich gibt, persönlich sehr wichtig. Darüber hinaus ist zu erwähnen, dass aus großstädtischem Milieu stammende Jugendliche stichhaltig proeuropäischer sind als jene, die aus Dörfern stammen. Personen mit langem Aufenthalt in Österreich sind häufiger proeuropäisch als jene mit kurzem Aufenthalt.

Druck

Auffällig stark - will heißen: mit Begeisterung - werden europäische Werthaltungen von Jugendlichen bejaht, die keiner Religion oder wenn, dann dem Christentum angehören. Dabei spielt weder die Konfession noch die der Religion für das eigene Leben beigemessene Wichtigkeit eine statistisch relevante Rolle. Der relevante Unterschied für eine Ablehnung westlicher Werte wird vielmehr durch Vermengungen des Glaubens mit diversen Vorurteilen und Ideologien bestimmt. Die Gesamtheit der Einstellungen, also quasi das Gesamtpaket, ist ausschlaggebend dafür, wie offen ein junger Mensch auf seine neue Lebensumgebung zugeht.

Es gibt also gute Gründe anzunehmen, dass bei etwa 20 bis 30 Prozent der befragten Jugendlichen teils wesentlicher und teils weniger vordringlicher Nachhol- und Unterstützungsbedarf besteht sowohl in Bezug auf die Offenheit der Gesellschaft gegenüber, in der sie nun leben, als auch in Bezug auf Toleranz und Konfliktbewältigung im Allgemeinen. Einige Zahlen zu dem sogenannten Problembereich wurden bereits veröffentlicht. Dabei geht es hauptsächlich um überzogene kollektive Identitäten, konservative Rollenbilder, Antisemitismus und ideologisch gefärbte, ausgrenzende religiöse Einstellungen. Es handelt sich um Merkmale, die substanziell dazu beitragen, dass jene Jugendliche liberale Werte viel schwerer akzeptieren können als die restlichen Befragten (für rund 26 Prozent sind die abgefragten Aussagen nur teilweise stimmig).