Wichtige Rolle von
Bildung und Familie

Natürlich: Gesellschaftliche Umstände im Herkunftsland, der Krieg selbst und die damit zusammenhängende mangelhafte Ausbildung, aber auch frühkindliche Indoktrinierungen institutionellen und familiären Ursprungs sind dabei als wesentliche Ursachen für verschlossene, dissonante Einstellungen zu nennen.

Die in Österreich verbrachten Jahre haben in der Regel einen prägenden Effekt auf die Einstellungen der Jugendlichen. Je länger der Aufenthalt in Österreich, desto höher auch die Zustimmung zu europäischen Wertehaltungen und desto geringer die Vorurteile. Freund- und Partnerschaften mit der autochthonen Bevölkerung sowie die berufliche oder schulische Umgebung wirken sich auf den Abbau von Vorurteilen und die Annahme europäischer Wertemuster eindeutig positiv aus.

Es zeigt sich auch durchgehend, dass Bildung (vor allem die nach der Einwanderung absolvierte) äußerst relevant ist. Ein weiter wichtiger Faktor, mit dem sich manche problematischen Einstellungen der Jugendlichen zum Teil erklären lassen, ist der in den Interviews thematisierte und erfasste Erziehungsstil der Eltern. Verorten Jugendliche die Rolle der Frau häufiger im Haushalt und wollen sie ihnen nicht die gleichen Rechte wie Männern gewähren, so hängt dies - wie überall auf der Welt - auch mit einem geringeren Bildungsniveau und pädagogisch ungenügendem Erziehungsstil der Eltern zusammen.

Aber es gibt auch viele andere Faktoren. Bei den konservativeren Jugendlichen mangelt es merkwürdigerweise gehäuft auch an Freunden und Kontakten. Interessant ist obendrein, dass Tendenzen zu einer fundamentalistischen Glaubensauslegung verstärkt bei Jugendlichen auftreten, die sich als unglücklich bezeichnen. Wobei Lebenszufriedenheit (ausgedrückt zum Beispiel durch Glück oder Vertrauen in Mitmenschen) überhaupt zu wesentlichen Prädiktoren für Toleranz zählt. Interessant ist auch, dass Jugendliche, die zumindest ein wenig Interesse an Kunst und Kultur verspüren, weltoffener sind.

Auswanderer und Daheimgebliebene insbesondere eines repressiven Landes sind in vielerlei Hinsicht unterschiedlich. Auswanderer - und scheinbar auch Flüchtlinge - repräsentieren nicht oder nicht nur die Kultur und das kollektive Denkmuster ihres Landes, wie fälschlicherweise oft angenommen wird, sondern sie vertreten diverse Formen einer durchaus spezifischen Eigenkultur, die sich der Mikrokosmos Familie mitten in einem autoritären System mühevoll erarbeitet hat.

Aus den Interviews geht vor, dass gerade der Familie in allen, aber besonders in autoritären Systemen eine besondere Rolle zufällt. Sie ist die letzte Instanz, die das Eindringen repressiver Muster des Machtapparats brechen und für die Kinder so übersetzen kann, dass diese möglichst unbeschwert aufwachsen. Dort, wo eine solche Übersetzungsleistung der Eltern gegeben war, hatten Jugendliche bereits am Tag der Ankunft nach Europa deutlich andere Voraussetzungen als jene, die das für die Selbstentfaltung völlig kontraproduktive Autoritäre, Dogmatische ungefiltert serviert bekommen und sich angeeignet hatten. Es kommt nicht von ungefähr, dass Personen, die angeben, eine unbeschwerte Kindheit gehabt zu haben, liberale Werte eher bevorzugen.