Rückzug statt offener Auseinandersetzung

Die Studie hat neue Erkenntnisse über die Toleranzeinstellungen von frisch eingewanderten Jugendlichen gebracht (wobei Toleranz als Konfliktvermeidungsstrategie bei divergierenden Einstellungen definiert wird). Die Einstellungen zeigen insgesamt ein Muster, wonach sich die bevorzugte Toleranzhaltung weniger in einer Neigung zur offen ausgetragenen Auseinandersetzung manifestiert, sondern in unterschiedlichen Varianten von Rückzug oder Zurückhaltung Ausdruck findet.

Viele praktizieren zum Beispiel eine Toleranz des guten, dankbaren Gastes, der im Gastland nichts abzulehnen hat. Andere wieder pflegen einen prinzipiellen und teilweise religiös gefärbten Respekt gegenüber allen Menschen. Geht ihr bevorzugter Leitspruch "Mensch ist Mensch" nicht auf, so kommt es zu einer teilweise selbst- und teilweise fremdverschuldeten Einkehr in die eigene Community. Außerdem scheint ein großer Anteil der vor kurzem aus Drittländern eingewanderten Jugendlichen von vornherein stärker an die Zukunftsträchtigkeit eines Nebeneinanders der Kulturen und Lebensstile zu glauben als jene, die schon länger in Österreich leben.

Vergleicht man die Toleranzmuster neu zugewanderter Jugendlichen mit jenen der gleichaltrigen autochthonen Bevölkerung, so ist insgesamt erkennbar, dass der demokratische Toleranztypus in beiden Gruppen etwas unterrepräsentiert ist. Verbreitet sind eher die alles erlaubenden, die für ein Nebeneinander der Kulturen stehenden und die alles verbieten wollenden Typen - aber es fehlt, wie es Rainer Forst, Professor für Politische Theorie und Philosophie, so treffend formuliert hat, "eine Tugend des öffentlichen Vernunftgebrauchs".