Alexander Putzendopler ist selbständiger Rechtsanwalt in Wien. Der vorliegende Gastkommentar ist auch im MKV-Magazin "Couleur" erschienen. - © David Faber
Alexander Putzendopler ist selbständiger Rechtsanwalt in Wien. Der vorliegende Gastkommentar ist auch im MKV-Magazin "Couleur" erschienen. - © David Faber

"Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des anderen beginnt." Dieser Sinnspruch von Immanuel Kant ist allgemein bekannt, sein innerer Sinn leicht verständlich. Doch wie handhabt es die Allgemeinheit, wie handhabt es der Einzelne mit dessen Umsetzung? Die Frage des Rauchverbotes, das jüngst wieder Thema eines Volksbegehrens war, zeigt zwei in diesem Zusammenhang ganz essenzielle Dilemmata trefflich auf: Da ist erstens das bewegliche System der Spannungsfelder zwischen der Freiheit des Nichtrauchers einerseits, nicht dem - unbestritten schädlichen - Rauch der anderen ausgesetzt zu sein, und andererseits der Freiheit sowohl des Rauchers, aus freien Stücken diesem Laster zu frönen, wie auch der Freiheit des Gastronomen, selbst entscheiden zu können, ob in seinem Betrieb geraucht werden darf. Das zweite Dilemma ist noch tiefergehender, geht es doch um das Verhältnis zwischen (individueller) Freiheit und Paternalismus, also staatlichem Zwang - zur Freiheit.

Über dieses Paradoxon haben sich schon weit klügere Köpfe als der Autor dieser Zeilen die gelehrten Köpfe zerbrochen, weshalb er es sich auch nicht anmaßt, eine absolute Lösung des Problems bieten zu können. Es mögen hier lediglich ein paar Denkanstöße gegeben werden.

Größere Einheiten nehmen dem Einzelnen Entscheidungen ab

Beispiel Rauchverbot: Wie stark soll der Staat eingreifen? - © dpa/Armin Weigel
Beispiel Rauchverbot: Wie stark soll der Staat eingreifen? - © dpa/Armin Weigel

Die Grundfrage lautet: Wie viel Freiheit verträgt der moderne Mensch? Und kann man sie von oben verordnen? Seit etlichen Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, zeichnet sich in der westlichen Welt ein interessantes Phänomen ab: Immer mehr Entscheidungen werden dem Einzelnen von größeren Einheiten abgenommen; sei es vom Staat, vom Arbeitgeber, vom Lehrer und so weiter. Dies hat - geradezu zwangsläufig - dazu geführt, dass das Konzept der Eigenverantwortung und somit auch nicht nur der Möglichkeit, sondern nachgerade der Verpflichtung dazu, Entscheidungen zu fällen und mit deren Konsequenzen zu leben, immer mehr hintangehalten wird. Der Bürger hat sich daran gewöhnt, dass es eine "Rundum-glücklich-Versorgung" in vielen Lebensbereichen gibt, was dazu geführt hat, dass er sich eine solche auch in anderen Bereichen, welche aber seine höchstpersönliche Entscheidungswelt betreffen, erwartet.

Ein weiteres Beispiel dazu: Hat man noch vor 20 Jahren beim Skifahren "einen Stern gerissen", so hat man sich im schlimmsten Fall wehgetan. Das war es dann aber auch. Heutzutage beginnt umgehend die Suche nach dem Schuldigen: Sei es der Liftbetreiber, der Pistenraupenfahrer und so weiter und so fort. Der Gedanke, dass man eventuell selbst etwas falsch gemacht haben oder es sich schlicht tatsächlich um einen Unfall im engsten Wortsinn gehandelt haben könnte, kommt vielen Menschen nicht mehr.