Noch nie gab es - keineswegs nur in Europa - statistisch gesehen solchen Wohlstand, und gleichzeitig fühlen sich so viele bedroht, als Verlierer, als Opfer. Von außen wirken übermächtig scheinende Kräfte auf Gemeinschaften ein: Klimawandel, Globalisierung, Macht- und Wirtschaftsinteressen von Großmächten und Konzernen. Im Kräftedreieck von Wirtschaft, Arbeit und Sozialem kämpfen die einen bereits ums Überleben, andere fürchten den Fall ins Bodenlose. Vor der Vergötterung der Renditen wird der Verlust der "Ehrfurcht vor dem Leben" (Zitat Albert Schweitzer) umso dramatischer empfunden. Ohnmacht und Zersplitterung münden in das Gefühl des Identitätsverlustes. Im Strudel einer sich beschleunigenden Geschichte, der alles zur Disposition stellt, wird ohne bessere Alternative alten Bezugssystemen die Legitimation entzogen. Wohin Mangel an Vertrauen führt, zeigt das Schicksal der Ersten Republik.

Aber statt sich dieser Angst zu stellen, begibt man sich in die Opferrolle, borgt Mut von den Lautesten, delegiert seine Freiheit an den "großen Bruder", sucht Schuldige, macht andere zu Schuldigen - und versäumt die Geschichte, bis man von ihr desto sicherer überrollt werden wird. Angst bildet eine gesichtslose Masse, in der man als Einzelner nur noch einsamer wird, manipulierbar, erpressbar und letztlich wieder schuldig. Angst bildet keine Gemeinschaft, sie zerstört sie. "Die Angst ist eine Kraft, die dich umbringt, wenn sie dich unerwartet überfällt; die dich jedoch über deinen Horizont trägt, wenn du sie für dich zu nutzen verstehst", hat Reinhold Messner einmal gesagt.

Das Paradies auf Erden wird es nie geben. Im Leben wie in Europa kommt es darauf an, destruktive Kräfte durch konstruktive in Balance zu halten, um Leben und Zeit positiv zu gestalten. Europa als Wertegemeinschaft stellt uns dafür bitter errungene Rahmen und Werkzeuge zur Verfügung: Frieden und Menschenrechte nach den Traumata zweier Weltkriege; Demokratie, individuelle Freiheit und Herrschaft des Rechts als Erbe mutiger Aufklärer; die vier Grundfreiheiten (freier Personen-, Waren-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehr) als Aufruf zur Gemeinschaft, zum Miteinander in Vielfalt. Von Europa als politischem Projekt dürfen die Bürger zu Recht "drei große S" erwarten: Selbstbewusstsein, Schutz und strategisches Denken. Der Ruf nach Orientierung impliziert die Forderung nach echten europäischen Parteien: profiliert, mit Schwerpunkten, Strategien und Programmen für die Zukunft. Die Nationalstaaten wiederum müssen verstehen, dass sie ohne Europa nicht reüssieren werden, so wie Europa auch nicht ohne Nationalstaaten bestehen kann. Hier gilt: Wer den anderen stärkt, stärkt zugleich sich selbst.

Sehen wir die kommende Wahl zum EU-Parlament im Mai als ein Bekenntnis zu Europa - zu einem demokratisch veränderbaren Europa. Zur Wahrheit eines jeden vor sich selbst und einem Leben in Freiheit. Zu lebendiger Verantwortung der Menschen und Völker in Gemeinschaft, Für- und Miteinander.