Bernd Marin ist Sozialwissenschafter. Er leitet das Europäische Bureau für Politikberatung und Sozialforschung Wien (www.berndmarin.eu), davor war er unter anderem Executive Director des mit der UNO verbundenen European Centre for Social Welfare Policy and Research in Wien und Rektor der Webster University Vienna. - © privat
Bernd Marin ist Sozialwissenschafter. Er leitet das Europäische Bureau für Politikberatung und Sozialforschung Wien (www.berndmarin.eu), davor war er unter anderem Executive Director des mit der UNO verbundenen European Centre for Social Welfare Policy and Research in Wien und Rektor der Webster University Vienna. - © privat

Zuletzt hat Bundeskanzler Sebastian Kurz höchstpersönlich für Erregung gesorgt, als er meinte: "Ich glaube nicht, dass es eine gute Entwicklung ist, wenn immer weniger Menschen in der Früh aufstehen, um zu arbeiten, und in immer mehr Familien nur noch die Kinder aufstehen, um in die Schule zu gehen." Er hat ausdrücklich nur "über Wien gesprochen". Da war die Empörung programmiert. Dazu bedurfte es gar nicht mehr Sprüche des Vizekanzlers vom "Förderprogramm für tschetschenische Großfamilien". Dabei sprach Kurz etwas Wichtiges angesprochen - nur halt am falschen Ort.

Sogar der sozialdemokratische Wiener Bildungsstadtrat hatte im September 2017 im Gespräch mit der "Krone" festgestellt, dass "Schüler vielleicht die Einzigen sind, die in der Früh aufstehen". Und der damalige Bundeskanzler und SPÖ-Chef Christian Kern hatte im Juni 2016 im "profil" freimütig eingestanden: "Bei unserer Klientel ist teilweise der Eindruck entstanden, dass wir früher für jene da waren, die um 6 Uhr Früh arbeiten gehen - und jetzt nur noch für jene da sind, die um
6 Uhr Früh ihr erstes Bier öffnen." Das verweist auf eine parteiübergreifende Problemwahrnehmung von weithin unpopulärer und durchaus auch freiwilliger Erwerbslosigkeit. Wenn sich nun der stellvertretende SPÖ-Klubchef Jörg Leichtfried "wirklich entsetzt" zeigt, weil Kurz "die Beleidigung für die österreichischen Mamas und Papas", die arbeitslos seien, nicht zurückgenommen habe, fragt man eher nach den Gründen für die Schnappatmung: Begriffsstutzigkeit oder Heuchelei?

- © istockphoto.com/milanmarkovic
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Arbeitslose auf Jobsuche
und Inaktive im Erwerbsalter

Doch woher kommt bloß dieses starke und aufregende Bild einer Kinder und Jugendliche demoralisierenden Verelendung und nicht bloß sozialen "Hängematte" der Eltern? Ich bekenne mich, der schlichten Wahrheit willen, offen als ihr Urheber. So hatte ich unter anderem in einer mehrteiligen "Format"-Serie zur Zukunft des Sozial- und Wohlfahrtsstaats im Herbst 2014 (und seither wiederholt in Interviews und Vorträgen) die "127 Millionen EU-Europäer ohne Arbeit" als "Kern aller Misere" ausgemacht - wobei zu den damals fast 27 Millionen Arbeitslosen auf der Suche nach Arbeit mehr als 100 Millionen Erwerbslose, also Inaktive im Erwerbsalter nicht auf Arbeitssuche, kamen. Die Jugendarbeitslosigkeit betrug durchschnittlich 23 Prozent, in Spanien sogar 53 Prozent und in Griechenland 57 Prozent - eine verlorene Generation im Mittelmeerraum. Für diese "Jugend ohne Job: low future?" wurde "der Arbeitsmarkt, in tiefster Krise" als "das Feld aller entscheidenden Schlachten" ausgemacht.