Über Jahrhunderte hinweg reichte zum Beispiel die Tradition, in den Juden Menschen minderen Wertes und minderer Rechte zu sehen, und gerade in jüngerer Zeit, nämlich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, erreichte die systematisch forcierte und brutale Herabsetzung, Verachtung und Ausgrenzung von Jüdinnen und Juden entsetzliche Tiefpunkte. In dieser extremen Form darf sich das und wird sich das meiner Überzeugung nach nie wieder wiederholen.

Es gibt aber auch viele andere Beispiele des Verstoßes gegen den Gedanken der gleichen Menschwürde. Auch Religionen neigen oder neigten dazu, die Anhänger der eigenen Religion in vielfacher und vielfältiger Weise über die Angehörigen anderer Religionen zu stellen. Die Kreuzzüge des Mittelalters waren Beispiele, wie sich Christen haushoch über die Muslime stellten und viele Verstöße gegen die Menschenwürde durch den Grundsatz "der Zweck heiligt die Mittel" als gerechtfertigt betrachteten; in gleicher Weise waren es zu anderer Zeit und an anderen Orten die Muslime, die den Christen an Verachtung und Brutalität nichts schuldig blieben.

Nationalismus als Irrglaube

Was in früheren Jahrhunderten oft die Religion war, wurde in jüngerer Vergangenheit durch die Nation ersetzt. Nationalismus ist der Irrglaube, dass die eigene Nation besser ist, höherwertiger ist, mehr Rechte hat etc. als andere Nationen und Nationalitäten. Und dieser Nationalismus hat Wurzeln, die ebenfalls weit in die Geschichte zurückreichen und die sich nach meiner Beobachtung in den letzten Jahren in Europa und auch außerhalb Europas wieder verstärkt bemerkbar machen. Dazu gehört auch eine die Menschenrechtsdeklaration ignorierende Einstellung gegenüber Menschen anderer Nationalität, anderer Religion, anderer Hautfarbe.

Ich leugne nicht, dass das dauerhafte Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Nationalität, unterschiedlicher Religion, unterschiedlicher Hautfarbe und unterschiedlicher Sitten und Gebräuche Schwierigkeiten bereiten kann. Diese liegen nicht in der Tatsache begründet, dass die eine Nationalität besser, höherwertiger oder schützenswerter ist als die andere beziehungsweise schlechter, minderwertiger oder weniger schützenswert als die andere, aber kulturelle Unterschiede und unterschiedliche Gewohnheiten können auch bei gutem Willen etliche Probleme bereiten.

Und an dieser Stelle scheiden sich die Geister. Denn angesichts dieser Fakten gibt es zwei Möglichkeiten, wie man das Zusammenleben von Menschen aus verschiedenen Nationen und Kulturen organisieren und gestalten kann. Man kann die Unterschiede hochspielen, man kann "die anderen" schlecht machen, Vorurteile pflegen, Neidkomplexe schüren etc. Oder man kann bemüht sein, den Grundsatz der Gleichwertigkeit aller Menschen und der gleichen Menschenwürde trotz mancher Schwierigkeiten hochzuhalten und Energien nicht in das Schüren der Gegensätze zu investieren, sondern in die Lösung von Problemen. Wem nützt man denn, wenn man junge Menschen, denen es gelungen ist, sich zu integrieren, die eine Lehre absolvieren und in ihrer Umgebung voll akzeptiert sind, mit hohen Kosten und gegen ihren Willen in ihre Heimat zurückschickt - auch wenn man nicht weiß, was dort mit ihnen geschieht.