Diesen Samstag wird der Internationale Holocaust-Gedenktag begangen, der an die Befreiung des KZ Auschwitz am 27. Jänner 1945 erinnert. Es ist ein guter Anlass, sich mit dem Gedenken an die Zeit des Nationalsozialismus zu befassen und damit, wie die Republik seit seiner Überwindung damit umgeht - ein sehr kontroverses Thema in Österreich. Den einen ist es seit Jahrzehnten viel zu viel, was da an Erinnerungen wachgehalten und an Geld ausgegeben wird. Den anderen ist es zu wenig, und sie werden nicht müde, die Finger genau in jene gesellschaftlichen Wunden zu legen, die es trotz der zeitlichen Distanz immer noch gibt. Heute braucht es ein aktives Gedenken, das Geschichte begreifbar machen, eine reflektierte Rückschau ermöglichen und den Bezug zur Gegenwart herstellen will.

Stephan Roth ist Bibliothekar und Mitglied des Stiftungsvorstandes im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) sowie Mitarbeiter des Niederösterreichischen Landesarchives. In den vergangenen 20 Jahren war er Mitarbeiter an zahlreichen Projekten (darunter Historikerkommission) und Publikationen zu den Themenbereichen NS-Judenverfolgung, Widerstand und Verfolgung im Nationalsozialismus sowie Erinnerungspolitik in Österreich. - © Philipp Monihart
Stephan Roth ist Bibliothekar und Mitglied des Stiftungsvorstandes im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) sowie Mitarbeiter des Niederösterreichischen Landesarchives. In den vergangenen 20 Jahren war er Mitarbeiter an zahlreichen Projekten (darunter Historikerkommission) und Publikationen zu den Themenbereichen NS-Judenverfolgung, Widerstand und Verfolgung im Nationalsozialismus sowie Erinnerungspolitik in Österreich. - © Philipp Monihart

Über Jahrzehnte dominierte in Österreich das Selbstverständnis, in der Zeit des Nationalsozialismus ausschließlich Opfer gewesen zu sein und sich aus diesem Grund nicht tiefer mit der Beteiligung von Österreichern an NS-Verbrechen beziehungsweise deren Duldung oder gleichgültiger Betrachtung auseinandersetzen zu müssen. Zu stark war die bequeme Verinnerlichung der Opferthese, die (selektiv) aus der Moskauer Deklaration abgeleitet wurde. Darin wird Österreich zwar als das erste Opfer der typischen Angriffspolitik Adolf Hitlers bezeichnet, gleichzeitig wird aber auch eine Verantwortung für die Teilnahme am Kriege an der Seite Hitler-Deutschlands eingemahnt.

In den ersten Jahren nach Kriegsende wurde dem Gedenken an den Widerstand als Eigenbeitrag zur Befreiung Österreichs politisch noch Raum gegeben. Dies änderte sich jedoch, als 400.000 minderbelastete Nationalsozialisten bei der Nationalratswahl 1949 wieder wahlberechtigt waren und die Politik in ihnen ein zu hebendes Wählerpotenzial entdeckte.

In den Folgejahren war die politische Kultur zusehends von der Verdrängung der NS-Vergangenheit gekennzeichnet: Das Bild des Pflichterfüllers ohne jeden Handlungsspielraum entsprach der gesellschaftlich akzeptierten Norm. Öffentliches Gedenken fand an den Kriegerdenkmälern statt. Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer kamen im gesellschaftlichen Narrativ der 1950er und 1960er Jahre nur am Rande vor, manchmal wurden sie sogar als Verräter herabgewürdigt. Ähnlich erging es auch den Überlebenden des Holocaust und ihren Angehörigen, die sich oft - neben dem Totschweigen der Gräueltaten des Nationalsozialismus in der Öffentlichkeit - einem weiterhin latent vorhandenen Antisemitismus ausgesetzt sahen. In diesem gesellschaftlichen Klima erfolgte 1963 - initiiert von NS-Verfolgten und engagierten Wissenschaftern - nicht zufällig die Gründung des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW), der zwei Jahre später die Etablierung des Instituts für Zeitgeschichte an der Universität Wien folgte.