Barbara Wiesner war Professorin für Informatik an der Technischen Hochschule Brandenburg. Zu ihren Spezialgebieten gehörten Sicherheit, Kryptographie und Privacy. Inzwischen ist sie im Ruhestand und lebt in Wien.
Barbara Wiesner war Professorin für Informatik an der Technischen Hochschule Brandenburg. Zu ihren Spezialgebieten gehörten Sicherheit, Kryptographie und Privacy. Inzwischen ist sie im Ruhestand und lebt in Wien.

Das digitale Ich, das sind die digitalen Datenspuren, die heute jeder hinterlässt, der eine mehr, der andere weniger. Man muss dazu nicht unbedingt einen Account bei Facebook haben. Es genügt, Kontakt zu jemanden zu haben, der einen Facebook-Account hat. Denn Facebook sammelt auch die Daten der Kontaktpersonen seiner Kunden. Mit jeder Teilnahme an Sozialen Netzwerken hinterlassen wir Datenspuren. Aber auch mit dem Handy, bei einer Google-Suche - und das umso mehr, wenn wir ein Konto bei Google haben -, beim Einkaufen im Internet, mit der Kreditkarte, mit der E-Card, mit den vielen Kundenkarten . . . Wer weiß schon, welche Daten über ihn gesammelt werden? Dieses Datensammeln ist im Grunde heimtückisch. Man merkt es nicht, es tut nicht weh, und sollte es doch einmal wehtun, dann ist es zu spät. Man spricht hier auch von der mangelnden Spürbarkeit von Überwachung.

Das digitale Ich ist jedoch weit mehr als die Summe der gesammelten Daten. Hinzu kommen die Ergebnisse von ausführlichen Analysen. Wer Ihr digitales Ich kennt, weiß sehr viel über Sie - vielleicht mehr, als Sie sich vorstellen können. Häufig wird die Ansicht vertreten, dass die sogenannten Verbindungsdaten - also wer wann mit wem kommuniziert hat - unkritisch seien. US-Forscher haben gerade in einer Studie nachgewiesen, dass die Überwachung mittels dieser Verbindungsdaten (auch als Telefonmetadaten bezeichnet) erhebliche Auswirkungen auf die Privatsphäre hat. Telefonmetadaten sind eng miteinander verbunden, leicht wiedererkennbar und ermöglichen auf einfachste Weise Zugang zu Orten, Beziehungen und sensiblen Schlussfolgerungen.

Wie sensibel Facebook-Daten sein können, zeigt eine Studie der Universität Cambridge. Die Forscher haben herausgefunden, dass man allein durch eine Analyse von Facebook-"Likes" sehr genaue Aussagen über ethnische Zugehörigkeit, religiöse und politische Ansichten, sexuelle Orientierung und vieles mehr machen kann. Insofern verwundert es nicht, dass Verbraucherschützer versuchen, gegen diese "Likes" vorzugehen.

Für den Nutzer selbst läuft die Analyse seiner Daten völlig intransparent ab, er hat also keine Ahnung, welche Schlussfolgerungen aus seinen Daten gezogen werden. Dabei geht es nicht nur darum, auf welche Werbung jemand besonders anspricht, sondern es kann auch durchaus sein, dass damit der Preis bestimmt wird, den jemand angeboten bekommt, aber auch die Sonderangebote, die gemacht werden. Ob jemand einen Handyvertrag oder einen Kredit bekommt, wie teuer eine Versicherung sein wird, die er abschließen möchte, und dergleichen mehr - all dies ergibt sich unter anderem aus der Analyse seiner Daten.

Datenspuren lassen sich nicht völlig vermeiden. Aber man kann und sollte sorgsam mit seinen Daten umgehen. Vielleicht schafft man es, auf "Likes" zu verzichten. Vielleicht schafft man es auch, auf die vielen Kundenkarten zu verzichten. Denn die wenigen Prozente, die man für die Nutzung einer Kundenkarte bekommt, haben den Preis, dass man dadurch zum gläsernen Kunden wird. Ob es das wert ist?