Ingrid Thurner ist Ethnologin, Publizistin, Lektorin und Mitglied der Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Uni Wien (www.univie.ac.at/tmb). Alle Beiträge dieserRubrik unter:www.wienerzeitung.at/gastkommentare
Ingrid Thurner ist Ethnologin, Publizistin, Lektorin und Mitglied der Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Uni Wien (www.univie.ac.at/tmb). Alle Beiträge dieserRubrik unter:www.wienerzeitung.at/gastkommentare

In manch einseitiger Betrachtung wurden die jüngsten Bluttaten auf patriarchale Gesinnungen in den Herkunftsländern der Aggressoren zurückgeführt. Explizit oder implizit ergibt sich daraus die Forderung: Schafft Migration ab, dann sinkt die Kriminalitätsrate! Aber kann das stimmen?

Aus einer ethnologischen Perspektive muss man dazu festhalten, dass kein Herrschaftssystem, auch nicht ein patriarchal orientiertes, individuelle Gewaltanwendung in seinen Wertekanon erhebt. Das staatliche Gewaltmonopol schließt die Legitimität von Selbstjustiz grundsätzlich aus. Wohl aber finden toxische Männlichkeiten, die Aggression gegen Menschen legitimieren, ihre Entfaltungsmöglichkeiten - auch in liberalen Gesellschaftsordnungen, immer noch. Zu deren Import muss man nicht Migranten bemühen, sie sind schon da.

Patriarchale Macht führt nicht zwangsläufig zu individuell ausgeübter Gewalt. Wohl aber kann (nicht muss) Machtverlust zu verstärkter Gewaltbereitschaft führen. Und zweifellos befindet sich ein Geflüchteter im Zustand des Machtverlustes. Hinzu kommt ein Verlust an Heimat und sozialem Umfeld, an Geld und Sicherheit. Viele Asylwerber leben zusammengepfercht in Wohnsilos, ohne ihre Familien und Frauen, ohne Arbeitserlaubnis, aber mit der Angst, vielleicht jahrelang nicht zu erfahren, ob sie bleiben dürfen oder eines Tages ausgewiesen werden. Solche Bedingungen bedeuten tägliche Demütigungen. Hinzu kommen die üblichen Faktoren, die delinquente Praxen begünstigen, wie Gewalt legitimierende Männlichkeitsnormen, Gewalterfahrungen in der Biografie (familiär oder kriegsbedingt), ein niedriges Bildungsniveau, ein Freundeskreis, der abweichendes Verhalten toleriert bis verherrlicht.

Es ist also nicht der Asylstatus und auch nicht der Migrationshintergrund, der per se Mörder produziert. Die Ursache liegt vielmehr in den Umständen, unter denen Menschen aufwachsen und leben. Deswegen liegt es auch in der mehrheitsgesellschaftlichen Verantwortung, für alle in Österreich lebenden Personen Bedingungen zu schaffen, die sie nicht in die Kriminalität treiben. Gäbe es für Zuwanderer und Geflüchtete die gleichen Partizipationschancen, dann wäre auch ihre Bereitschaft zu abweichendem Verhalten nicht größer als beim Rest der Bevölkerung.

Vordringlich wäre die Durchmischung aller sozialen Milieus und Sprachgruppen in den Schulen.
Die politische und gesellschaftliche Tendenz führt aber in Richtung Eliteschulen in Elitebezirken und Ghettoschulen in Ghettobezirken. Zudem wären Männerhäuser, Männerberatung und Männerbetreuung großzügig und großflächig zu alimentieren, um zu verhindern, dass Gewaltbereite, die im Rahmen des Opferschutzes von ihren Familien entfernt werden, im Nichts landen.

Und bei der ganzen Debatte über Mörder und ihre Nationalitäten und Wurzeln bleibt gänzlich unbeachtet, dass die überwiegende Mehrheit von Zuwanderern, Asylwerbern und neuen Österreichern überhaupt nicht straffällig wird, aber bei all dem medialen Blitz und Donner implizit ständig pauschal mitverurteilt wird.