Der ehemalige Bundespräsident Heinz Fischer schreibt ein Mal im Monat für die "Wiener Zeitung". - © APA/HELMUT FOHRINGER
Der ehemalige Bundespräsident Heinz Fischer schreibt ein Mal im Monat für die "Wiener Zeitung". - © APA/HELMUT FOHRINGER

Ich möchte gerne sowohl in der österreichischen Politik als auch in der europäischen ein Optimist bleiben. Aber das ist derzeit gar nicht so einfach; ganz im Gegenteil. Es ist ziemlich schwer geworden.

Blicken wir kurz zurück: Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges - ich besuchte damals gerade die Volksschule - hatte wohl jeder in Österreich und in Europa genug von Krieg, Nationalismus und Faschismus. Viele Länder hatten schwere Kriegszerstörungen, Millionen Menschen waren im Krieg getötet worden, waren in Konzentrationslagern ermordet worden und auch die Überlebenden - viele davon an Körper und Seele schwer verwundet - befanden sich in weiten Teilen Europas in einer Stunde null.

Wie es den Österreichern trotz militärischer Besetzung durch die vier alliierten Mächte gelang, die staatliche Einheit zu bewahren und nach zehn Jahren durch den Staatsvertrag die volle Unabhängigkeit und Selbständigkeit zu erlangen, ist ein eigenes Kapitel. Eine kluge gemeinsame Außenpolitik der beiden großen Parlamentsparteien spielte dabei eine wichtige Rolle. Auch der materielle und geistige Wiederaufbau des Landes wurde gemeinsam in Angriff genommen. Die Österreicherinnen und Österreicher hatten aus der Geschichte gelernt.

Der ehemalige Bundespräsident Heinz Fischer schreibt ein Mal im Monat für die "Wiener Zeitung". - © APAweb, Helmut Fohringer
Der ehemalige Bundespräsident Heinz Fischer schreibt ein Mal im Monat für die "Wiener Zeitung". - © APAweb, Helmut Fohringer

Die Erfahrungen der Geschichte manifestierten sich - in Ergänzung zur Rechts- und Verfassungslage - auch in ungeschriebenen Grundregeln, die man unter den Stichworten Sozialpartnerschaft, Zusammenarbeit und Rücksichtnahme auf gegenseitige Zumutbarkeit zusammenfassen kann. Ein breiter Bogen von Mitte rechts bis Mitte links bildete das Fundament politischer Stabilität in Österreich. Das galt sowohl für Koalitionszeiten als auch für Zeiten sogenannter "Alleinregierungen".

Römische Verträge von 1957

Eine weitere Grundtendenz der Politik im demokratischen Europa und auch in Österreich war das Bemühen einer Renaissance nationalistischer Tendenzen und nationaler Egoismen durch europäische Zusammenarbeit und durch gemeinsame europäische Institutionen vorzubeugen.

Die Pioniere dieser Entwicklung stammten aus Frankreich (Schuman und Monnet), aus Deutschland (Adenauer), aus Großbritannien (Churchill) und auch aus den Beneluxstaaten (z.B. Paul-Henri Spaak). Genau diese sechs Staaten waren es auch, die am 25. März 1957 in Rom die Verträge von Rom als Geburtsurkunde des Europäischen Integrationsprozesses unterzeichneten.