Gerfried Sperl beklagte unlängst in dieser Zeitung einen "Prozess der Entkoppelung" von "christlich" und "sozial" angesichts der Hinwendung der gegenwärtigen österreichischen Regierung zu einer "liberalen" statt einer "sozialen" Marktwirtschaft ("Wiener Zeitung" vom 16./17. Februar 2019). Das komme einer "Entmachtung der Bergpredigt" gleich, zitiert Sperl Kritiker der Regierung. Man ist erstaunt. Denn wer soll entscheiden, was in der Politik das "christliche Verständnis" von "sozial" ist?

"Christlich-sozial" stand einmal in Österreich für kleinbürgerlichen Antikapitalismus, Antisemitismus, Klerikalismus und schließlich anti-parlamentarischen Autoritarismus und Ständestaat - vertreten durch Namen wie Karl Lueger, Ignaz Seipel und Engelbert Dollfuß. Das ist Vergangenheit. Erhalten haben sich aber, so scheint es, Antikapitalismus und Klerikalismus just bei jenen, die jetzt behaupten, ein liberaler wirtschafts- und sozialpolitischer Kurs sei Verrat am Christlich-Sozialen. Linkskatholische Kritiker der Regierung berufen sich nicht nur auf die Bergpredigt, sondern in bester christlich-sozialer Tradition auch auf päpstliche Enzykliken - allerdings reichlich selektiv.

Insbesondere die Enzyklika "Populorum progressio" von 1967 wird von vielen, auch von Sperl genannten Verteidigern des Christlich-Sozialen beschworen. Das Lehrschreiben Papst Pauls VI. hatte Marktwirtschaft und internationalen Handel durch die Brille der längst widerlegten Dependenztheorie gesehen. 1989 widersprach Johannes Paul II. in der Enzyklika "Centesimus annus" dieser Orientierung und verteidigte Marktwirtschaft und einen "recht verstandenen Kapitalismus". Dieses Lehrschreiben lassen Linkskatholiken verschämt unter den Tisch fallen. Für sie repräsentiert "Populorum progressio" bis heute die Quintessenz katholischer Soziallehre. Wer davon abweicht, übt Verrat am "Christlich-Sozialen".

Dabei wird übersehen, dass das Zweite Vatikanische Konzil - in Abwendung von einem früheren Klerikalismus - lehrte, die katholischen Laien sollten in weltlichen Fragen selbstverantwortlich urteilen und nicht wie früher denken, es müsse eine für alle Katholiken "einheitliche Marschrichtung" (Paul Jostock, 1932) geben. Niemand solle andere Ansichten mit dem Argument zurückweisen, die eigene Position sei eine "eindeutige Folgerung aus der Botschaft des Evangeliums", und habe in solchen Fragen das Recht, "die Autorität der Kirche ausschließlich für sich und seine eigene Meinung in Anspruch zu nehmen".