Ein ZiB-2 Gespräch mit dem Europaparlament-Kandidaten Johannes Voggenhuber vor einiger Zeit hat große Wellen geschlagen. Da Herr Voggenhuber in diesem Interview die Ukraine mehrmals angegriffen hat, habe ich versucht, ihn zu besuchen, um einige offenbar offene Fragen zu klären. Leider ist dieses Treffen nicht zustande gekommen. Daher gehe ich an die Öffentlichkeit.

Herr Voggenhuber behauptete, die Ukraine "hätte niemals etwas mit der Krim zu tun". Offensichtlich ist es lange her, dass er sich die geografische Karte angeschaut hat. Die Ukraine ist das einzige Festland, mit dem die Halbinsel verbunden ist. Die Kyijwer Ruß, einmal einer der größten Staaten Europas, dessen erste christliche Monarchin Olga auf der Krim getauft wurde, hieß mit gutem Grund Kyijwer und nicht Moskauer Ruß. Vor allem, weil Moskau zu dem Zeitpunkt ein Sumpf war.

Ja, "Kyjiw" und nicht Kiew - so heißt diese Stadt laut Duden neuerdings auf Deutsch. Oder hat die Ukraine mit Kyjiw/Kiew auch "nichts zu tun"? Absurd, aber das ist der obligatorische nächste Schritt für alle, die davon sprechen, dass die Krim bereits seit 1783 Bestandteil des russischen Imperiums war. Denn Kyjiw war in diesem Imperium viel länger - seit 1654. Was nun - wird Herr Voggenhuber die "grünen Männchen" auch in Kyjiw begrüßen?

Die Ukraine (in Gestalt der Kyjiwer Ruß) stand einmal am Ursprung Europas. Und dann wurde sie sehr lange durch Imperien geteilt. Sie trug ihre Sprache und Kultur durch Jahrhunderte des Schattendaseins mit. Dieses Dasein der kleineren Völker im Schatten der größeren hatte einen Namen - Kolonialismus. Und wenn man im 21. Jahrhundert die abrupte gewaltsame Änderung der Grenzen Europas durch die Realitäten des 18. Jahrhunderts rechtfertigt, wenn man ausgerechnet in diesem dunklen Teil der Geschichte nach Antworten für das heutige Europa sucht - dann ist es zumindest skurril.

In Russland spricht man immer wieder davon, die Krim wäre "begossen mit russischem Blut". Und schon wieder ist es nur ein Teil der Wahrheit, denn die meisten Matrosen und Soldaten, die im Krimkrieg 1853 bis 1856 für Russland kämpften, waren Bauernsöhne, gewaltsam rekrutiert in ukrainischen Dörfern. Und wenn wir schon von "Blut" sprechen - was ist mit den Krimtataren? Es war übrigens ein Krimtatar, der 2014 zum ersten Opfer der putinschen Okkupation der Krim wurde. Er hieß Reschat Ametow, von putinschen "höflichen Soldaten" bestialisch gefoltert und durch einen Stich ins Auge getötet.

Man darf ihn nicht vergessen. Als die Ukraine am 1. Dezember 1991 für die Unabhängigkeit von der Sowjetunion abstimmte, da sagte die Mehrheit der Krimbevölkerung "ja". Und nein, Herr Voggenhuber, auch damals war die Zugehörigkeit der Krim zur Ukraine kein Streitpunkt - abgesehen von ein paar chauvinistischen Stimmen, die politisch keine Rolle spielten. Die Ukraine gab damals ihre Nuklearwaffen auf. Im Austausch für die Entwaffnung versprach Russland feierlich und förmlich, "die Souveränität und die bestehenden Grenzen der Ukraine zu achten". Offensichtlich war es falsch von uns, Russland zu glauben. Das werden wir künftig vermeiden müssen. Trotzdem sind Worte wichtig. Und es ist von Bedeutung, dass ausgerechnet Kandidaten für das Europaparlament ihre Worte vorsichtig wählen.

Olexander Scherba ist Botschafter der Ukraine in Österreich.