"Die Vereinigten Staaten und die Alliierten haben sich so weit auseinander bewegt wie noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg. (. . .) Der US-Präsident war einmal die unbestrittene Führungspersönlichkeit der westlichen Allianz. Aber jetzt ist sein Ansehen in Europa tiefer gesunken als das jedes anderen Präsidenten." Richtig beschrieben von der angesehenen "New York Times" - vor knapp vierzig Jahren, am 23. Juni 1980.

Bezogen hat sich dieses vernichtende Urteil damals auf Präsident Jimmy Carter. Heute sind wir wieder ziemlich genau dort. Und doch: "Die USA sind kein Ein-Personen-Land." Diese Feststellung hören wir gleich zwei Mal. Und das Besondere daran: erst von einem demokratischen US-Kongressabgeordneten, danach wortwörtlich von einem republikanischen Mitglied des Repräsentantenhauses (der die Formulierung seines Vorredners nicht gehört hatte).

Drei Tage haben wir mit einer Mehrparteien-Delegation des EU-Parlaments das US-Capitol besucht, um dort den Stand der transatlantischen Beziehungen auszuloten. Und - nicht ganz unerwartet - der Sager vom "Nicht-Ein-Personen-Land" hat sich bestätigt: Anders als Donald Trump, der die EU zum Feindbild erklärt hat, legt man im US-Kongress Wert auf einen guten Draht zur Europäischen Union. Freilich: Ganz ohne Reibereien gehen die Diskussionen auch dort nicht über die Bühne. Etwa als uns der republikanische Senator John Boozman eine Lektion über "fairen und freien Handel" erteilen will. Ich werfe mit einem Zwischenruf ein, wer denn nun bestimme, was fair und was frei ist, ("I take it you want to do this for us (. . .)"), da zögert der Senator nicht einen Moment: "Wenn die EU mit uns über den Handel sprechen will, aber den gesamten Bereich der Landwirtschaft ausklammert, dann kann man nicht von fair und frei sprechen."

Eugen Freund ist SPÖ-Mitglied des Außenpolitischen Ausschusses im Europäischen Parlament. - © apa/Herbert Pfarrhofer
Eugen Freund ist SPÖ-Mitglied des Außenpolitischen Ausschusses im Europäischen Parlament. - © apa/Herbert Pfarrhofer

Beim umstrittenen Thema der Autozölle, die Trump den Europäern und insbesondere den Deutschen seit Monaten androht, könnte das Repräsentantenhaus dem Präsidenten noch Schwierigkeiten machen. Die republikanische (!) Abgeordnete Jackie Walorski berichtete mir, sie habe Donald Trump in einem Vier-Augen-Gespräch die negativen Auswirkungen einer solchen Maßnahme auf ihren Wahlbezirk klar ins Gesicht gesagt. "Zehntausende Arbeitsplätze in der Automobilindustrie in Indiana würden verloren gehen", sie würde daher einem solchen Schritt niemals zustimmen.

Das klingt fast wie eine Entwarnung für die EU (und damit auch für Österreich, dessen Zulieferbetriebe ja stark vom deutschen Autohandel abhängig sind), doch ein Vorbehalt bleibt: die Irrationalität von Präsident Trump. Der US-Präsident war während unseres Aufenthaltes zwar in Vietnam, um dort mit Kim Jong-un nichts zu vereinbaren, trotzdem war er der Elefant im Raum.