Aber was wäre, wenn Österreich bei der Reform der Reform nicht mitzieht und bei der bereits umgesetzten Reform von 1996 verharrt? Dann würde man im "Spiegel" lesen: "Die Schüler können einem leidtun!", während das "Profil" schreibt: "Die Schüler können einem Leid tun!" Dann würden bundesdeutsche Lektoren den Satz "Mir wird angst und bange!" als korrekt klassifizieren, während die österreichischen nur "Mir wird Angst und Bang!" gelten lassen.

Jetzt muss man aber auch noch in Betracht ziehen, dass sich die meisten Schriftsteller der Rechtschreibreform von 1996 ohnedies verweigern und nur den Status Quo Ante gelten lassen. Sie würden also schreiben: "Das alles ist für jung und alt eine Zumutung", während die zweimal reformierten Deutschen und die einmal reformierten Österreicher in diesem Fall einer Meinung wären: "Das ist eine Zumutung für Jung und Alt."

Es gibt also für Österreich nur eine vernünftige Haltung zur "Reform der Reform": Augen zu und durch! Was aber nicht heißt, dass man damit zur Tagesordnung übergehen sollte. Die deutsche Sprache existiert in verschiedenen Ausformungen, das österreichische Deutsch unterscheidet sich in einigen wesentlichen Punkten vom deutschen Deutsch. In Österreich essen wir "Marillen", in Deutschland "Aprikosen". In Österreich sagen wir: "Als du mich angerufen hast, bin (!) ich noch im Bett gelegen." In Deutschland kann man hören: "Als du mich angerufen hast, habe (!) ich noch im Bett gelegen." Oder vielleicht gar in der für uns ungewohnten Präteritum-Form: "Als du mich anriefst, lag ich noch im Bett."

Diese Unterschiede finden auch in der Schriftform einen Niederschlag. Der Duden listet inzwischen die österreichischen Eigenheit als regionale Varianten gewissenhaft auf. Es wäre schön, wenn das Österreichische Wörterbuch bei der nächsten Auflage spiegelbildlich vorgeht.

Außerdem sollte bei künftigen Lehrplanreformen sichergestellt werden, dass die Unterschiede auch in der Schule unterrichtet werden. Angesichts einer Flut norddeutscher Filmsynchronisationen und Buchübersetzungen laufen wir ja manchmal Gefahr, das deutsche Deutsch als die "bessere Norm" anzusehen.

Kellner aus den neuen EU-Ländern sollten wissen, dass ein Wiener das Wort "Sahne" als Pflanz empfindet, der Hamburger mit "Schlagobers" nichts anfangen kann und der Tiroler einen "süßen Rahm" verlangt. Ob man "näher kommen" und "richtig stellen" zusammen schreibt, ist eigentlich Wurst. Oder wurst?

Robert Sedlaczek ist Au tor des Buches "Das öster reichische Deutsch."