Claus Reitan ist Journalist, Autor, Kolumnist und Moderator. Er absolvierte das akademische Zertifikatsstudium Nachhaltigkeit & Journalismus an der Leuphana Universität Lüneburg. - © Niko Formanek
Claus Reitan ist Journalist, Autor, Kolumnist und Moderator. Er absolvierte das akademische Zertifikatsstudium Nachhaltigkeit & Journalismus an der Leuphana Universität Lüneburg. - © Niko Formanek

Es ist in diesen Tagen angesagt, an die katholische Soziallehre mitsamt ihren historischen Enzykliken zu erinnern. Je nach Standpunkt wird dies für oder gegen die Politik der gegenwärtigen Bundesregierung in Stellung gebracht. Aus linkskatholischer Sicht etwa durch Gerfried Sperl ("Wiener Zeitung" vom 16./17. Februar: "Die Entkoppelung von ‚christlich‘ und ‚sozial‘") oder ihn korrigierend durch Martin Rhonheimer ("Wiener Zeitung" vom 2./3. März: "Welche Politik sozial ist, kann nicht die Bibel entscheiden"). Beide verdienstvolle Einlassungen bedürfen der Ergänzung, verfehlen sie es mit dem festen Blick auf längst Erledigtes doch, das Ganze in seiner Gegenwart zu erfassen, sprich: die Schöpfung, namentlich den Zustand dieser Welt und wie wir dazu stehen.

"Über die Sorge für das gemeinsame Haus"

Die Handreichung dazu liegt vor, gegeben in Form der Enzyklika "Laudato si‘" von Papst Franziskus im Jahr 2015, dem dritten seines Pontifikats. Das Lehrschreiben mit dem Untertitel "Über die Sorge für das gemeinsame Haus" wird gerne als Umweltenzyklika bezeichnet, womit man der guten Sache Unrecht erweist und der falschen Vorschub leistet. Es ist wahrlich müßig und vergeblich, in weiteren Darlegungen die Sozialenzykliken von "Rerum novarum" (1891) bis "Centesimus annus" (1991) zu deklinieren. Es ist hingegen dringend, und zwar äußerst dringend geboten, die Gedanken aus "Laudato si‘" stets auf Neue aufzugreifen und zur Richtschnur dafür zu nehmen, auf Basis welcher Philosophie oder Religion (als Theorie) dann durch Politik (als dazugehörige Praxis) Lebensumstände geschaffen, zugelassen oder geändert werden. Und hier ist viel zu tun, beginnend mit der Herstellung ungeteilter Einsichten.

Die Enzyklika "Laudato si‘" von Papst Franziskus erweitert die katholische Soziallehre um die Ökologie. - © afp/Vincenzo Pinto
Die Enzyklika "Laudato si‘" von Papst Franziskus erweitert die katholische Soziallehre um die Ökologie. - © afp/Vincenzo Pinto

Die Erde, schreibt Franziskus in seinem vielfach zitierten Wort, "unser Haus, scheint sich immer mehr in eine unermessliche Mülldeponie zu verwandeln". Diese ist Folge einer "Wegwerfkultur", die "sowohl die ausgeschlossenen Menschen betrifft als auch die Dinge, die sich rasch in Abfall verwandeln". Die Wahrheit dieses Satzes ist aber jenen nicht zugänglich, die von dieser Welt lediglich die wohltemperierten Büros, helle Einkaufstraßen und sonnige Urlaubsstrände kennen, respektive kennen wollen.

Der große, von Franziskus gemeinte Rest der Welt ist eine Wirklichkeit, die in den Dokumenten und in den Expertisen zur seriös gemeinten Nachhaltigkeit umfassend, detailliert und tausendfach dargestellt ist. Der enorme Raubbau an menschlichen und an natürlichen Ressourcen erfordert eine Korrektur einer bloß von Umsatzrendite getriebenen Produktions- und Konsumweise. Globalisierung und Digitalisierung haben den Kapitalismus vollends ins Groteske beschleunigt.