Franz Schandl, - © Picasa
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Ausgerufen wurde die Republik Deutschösterreich am 12. November 1918. Die Wahlen zur Konstituierenden Nationalversammlung erfolgten am 16. Februar und am 5. März 1919 tagten erstmals die frisch gewählten Volksvertreter. Die Sozialdemokraten erzielten die relative Mehrheit und stellten mit dem Karl Renner auch den Staatskanzler, eine Funktion, bei der Bundespräsident und Bundeskanzler noch in einem Amt zusammengefasst waren.

Das sollte sich erst mit der Verabschiedung der neuen, von Hans Kelsen ausgearbeiteten Verfassung im Jahr 1920 ändern. Am 24. März mussten der letzte Kaiser, Karl I., und seine Familie das Land verlassen. Das Habsburger-Gesetz enteignete das Herrscherhaus, das Adelsaufhebungsgesetz setzte um, was der Name sagte. Das "von" wurde endgültig entsorgt. Es zu tragen, stand fortan unter Strafe.

Die Christlichsozialen, die noch mit der Monarchie geliebäugelt hatten, schwenkten unter dem dem Druck der öffentlichen Stimmung um. Der Übergang zur neuen Staatsordnung erfolgte einvernehmlich. Die Produktions- und Besitzverhältnisse blieben aber unangetastet.

Schutzbundaufmarsch in Eisenstadt. Auf der Tribüne in der Mitte Otto Bauer. - © Albert/ÖNB-Bildarchiv/picturedesk.com
Schutzbundaufmarsch in Eisenstadt. Auf der Tribüne in der Mitte Otto Bauer. - © Albert/ÖNB-Bildarchiv/picturedesk.com

Auch das Frauenwahlrecht wurde weniger errungen als zugelassen. Sowohl Christlichsoziale als auch Sozialdemokraten standen dem Anliegen reserviert gegenüber. Beide fürchteten, dass es ihnen schaden würde. Unrecht hatten jedoch nur die Christlichsozialen. Tatsächlich wählten die Frauen konservativer als die Männer. Umgekehrt freilich war das Verhältnis im Parlament: Neben sieben Sozialdemokratinnen saß nur eine Bürgerliche in der Nationalversammlung.

Die österreichische Sozialdemokratie war zweifellos die Gründerin der Ersten Republik. Sie bewahrte das Land sowohl vor der Revolution als auch vor der Reaktion. Kein bedeutender Flügel der SDAP verließ die Partei. Anders als in Deutschland konnte die Einheit der Arbeiterbewegung bewahrt werden.

Die Organisation war immer wichtiger als die Revolution gewesen. Otto Bauers Kurs des Zentrismus hielt zusammen. Der revolutionäre Keim erstickte in der Passivität der proletarischen Führung. Die Massen wurden nicht gebündelt, sondern gezügelt. Der Voluntarismus der wenigen und völlig zerstrittenen Kommunisten vermochte dem nicht abzuhelfen. Im Gegenteil, er isolierte diese Kraft noch mehr. Die, die wollten, konnten nicht, und die, die konnten, wollten nicht.

Die Angst vor der Revolution war insgesamt um vieles größer als die Tatkraft derselben. In Anlehnung an Nestroy könnte man durchaus von einem "Revolutionerl" sprechen. Da war schon was, aber so richtig wiederum auch nicht. Die Funken sprühten, aber es hat nicht gezündet.