Handwerk und Dienstleistung boomen. Beide suchen händeringend Fachkräfte. Das Paradoxon ist dabei: Viele suchen ja einen Job und finden trotzdem keinen. Was läuft da schief? Heute, wo, laut OECD, eine gute Berufsausbildung auch jedem eine Berufschance eröffnet, ist ein akademischer Abschluss nicht mehr der Weisheit letzter Schluss. Nur viel zu viele wollen trotzdem studieren - auch wenn das für sie gar nicht der richtige Weg ist und sie daher mittendrin scheitern, wie die hohe Studienabbruchquote in Österreich eindringlich verdeutlicht.

Ein Beispiel: Wer früher eine Assistentin suchte, bekam Angebote von Maturantinnen oder HAK-Absolventinnen. Wer heute sucht, bekommt nur mehr Bewerbungen von Uniabsolventen. Sind die Anforderungen so gestiegen, dass man heute Vollakademiker dafür benötigt? In manchen Fällen mag das sein, aber nicht immer.

Leider genießt die duale Ausbildung keinerlei Reputation, oder wie man heute so schön sagt: Dem wurde nie ein adäquates Branding verpasst. Allerdings, und auch das muss gesagt werden, passen viele Unternehmen und Jobsuchende nicht zusammen. Entweder ist das passende Angebot am falschen Ort oder die schulischen Leistungen entsprechen nicht den heutigen Anforderungen. Nur wie lässt sich diese "Inbalance" beheben?

Jeder ist gefordert. Unternehmen müssen ihr Angebot für die heutige Generation attraktiver machen, denn die Generationen Y und Z ticken anders als die Babyboomer. Sie wollen Arbeit und Freizeit ausbalanciert wissen, Weiterbildungsperspektiven und eine adäquate Ausbildungsvergütung in Aussicht gestellt bekommen. Und die Politik sollte nicht an einer überbewerteten Akademikerquote festhalten, sondern der dualen Ausbildung ebenso großes Augenmerk schenken.

Die berufliche Ausbildung muss von der Politik und Gesellschaft endlich wieder wertgeschätzt werden. Denn wer will nicht die Dienste eines fachlich gut ausgebildeten Kellners, Kochs, Installateurs oder Tischlers, etc. in Anspruch nehmen? Nicht umsonst heißt es auch: Handwerk hat goldenen Boden. Wenn es so weitergeht, werden wir bald Gold bezahlen müssen, um Fachkräfte zu bekommen.

Das AMS, so wurde angekündigt, will 2019 evaluieren, welche IT-Qualifikationen in der Arbeitswelt gefordert sind, um den Fachkräftemangel durch Schulungen entgegenzuwirken. Also wer erst jetzt daraufkommt, dass es diesen Mangel gibt, ein Jahr Erhebungen betreibt, um dann ein Zukunftskonzept zu entwickeln, wird wieder um Jahre zu spät dran sein. Was benötigt wird, ist längst von Unternehmen breit kommuniziert worden.

Um fehlende MINT-Fachkräfte zu gewinnen, bedarf es auch attraktiver Pakete, die bereits in den Schulen an die zukünftigen Mitarbeiter herangetragen werden, um diese rechtzeitig vor ihrer Berufswahl dafür zu begeistern. Wer allerdings das aktuelle Berufsschulsystem nicht in allen Belangen den modernen Anforderungen anpasst, den flexiblen Arbeitszeitmodellen ständig einen Stein vor die Füße wirft und nur in der Akademisierung aller Menschen das Heil sucht, wird die Probleme am Arbeitsmarkt auch in Zukunft nicht beheben können.

Hans Harrer ist Vorstandsvorsitzender des Senats der Wirtschaft