Rene Tebel ist Historiker und politischer Analyst (www.tebel-report.at). - © privat
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Auf der Webseite des litauischen Verteidigungsministeriums werden sie genau dokumentiert: die Verstöße der russischen Luftstreitkräfte. Alleine im Februar 2019 mussten demnach Nato-Kampfjets 18 Mal aufsteigen, um Militärmaschinen abzufangen, die mit ausgeschalteten Transpondern, ohne Sprechfunkkontakt oder ohne abgeklärtem Flugplan von Russland zur Exklave Kaliningrad - dem alten nördlichen Ostpreußen - oder in umgekehrter Richtung den Nato-Luftraum durchquerten.

Solche Zwischenfälle ereignen sich aber auch regelmäßig in der Luft und zu Wasser in Nord- und Ostsee oder im Schwarzen Meer, oft schon bei bloßer Annäherung an die betreffenden Hoheitsgebiete. Sie bilden eine Spielart aus Zeiten des Kalten Krieges und dienen zumeist dem Austesten der gegnerischen Reaktionszeit, können aber auch "Unmut" symbolisieren. Sie sind aber ebenso Ausdruck zunehmender Muskelspiele, die mit den Geschehnissen in der Ukraine, dem Regierungswechsel nach den Euromaidan-Protesten und der Annexion der Krim durch Russland schrittweise in Gang kamen.

Auf die Annexion der Krim folgte auf westlicher Seite unter anderem die Stationierung von vier multinationalen "Battlegroups" in den baltischen Staaten und Polen oder in Schweden die Gründung einer Militäreinheit auf der Insel Gotland. Russland konterte die westlichen Aktivitäten mit der Stationierung nuklear bestückbarer Iskander-Kurzstreckenraketen in der Exklave Kaliningrad. Zu einer weiteren Verschärfung der Situation könnte nun die polnische Idee für ein "Fort Trump" an der strategisch wichtigen "Suwalki-Lücke" an der polnisch-litauischen Grenze beitragen, das für die US-Armee kostenlos errichtet werden soll.

Das Baltikum bildet aber nicht den einzigen aufkeimenden geografischen Brennpunkt zwischen der Nato und Russland: Nach russischen U-Boot-Aktivitäten im Nordatlantik, die in ihrer Intensität nach an den Höhepunkt des Kalten Krieges erinnerten, wurde im August 2018 die US-amerikanische Zweite Flotte (Heimathafen Norfolk, Virginia) formell reaktiviert. Noch in diesem Jahr soll sie zum Einsatz kommen und die für die Nato existenziell wichtige Nachschub- und Verbindungslinie zwischen der Ostküste der USA, Grönland, Island und Großbritannien insbesondere vor gegnerischen U-Booten schützen, aber auch die arktischen Gewässer abdecken.

Dort deutet sich der nächste große Krisenherd an: Schmelzendes Eis und das prognostizierte Entstehen einer ganzjährig eisfreien Schifffahrtsroute zur Jahrhundertmitte sowie riesige Erdgas- und Erdölvorkommen machen die Arktis zur künftigen Bühne geostrategischer Auseinandersetzungen. Inmitten dieses Ringens um die arktischen Gewässer befinden sich Dänemarks Grönland und das norwegische Spitzbergen, das schon in den vergangenen Jahren mehrmals Ziel russischer Provokationen wurde.

Im Zusammenhang mit den gesteigerten russischen Aktivitäten im hohen Norden steht auch die Verlegung von 800 britischen Royal Marines nach Norwegen. Die Fahrwasser werden unruhiger. Die Aufkündigung des INF-Vertrages durch die USA kann diese Entwicklung schlagartig weiter verschärfen.

Rene Tebel ist politischer Analyst und gibt den
Tebel-Report heraus (www.tebel-report.at).