Manfred Chobot, geboren 1947 in Wien, von 1991 bis 2004 Herausgeber der Reihe "Lyrik aus Österreich", ist Schriftsteller und Galerist. - © privat
Manfred Chobot, geboren 1947 in Wien, von 1991 bis 2004 Herausgeber der Reihe "Lyrik aus Österreich", ist Schriftsteller und Galerist. - © privat

Seit ziemlich langer Zeit erwecken die Abgeordneten des britischen Parlaments scheinbar den Eindruck, als wüssten sie nicht, was sie möchten: raus aus der EU, mit Vertrag, ohne Vertrag, Aufschub des Austritts - womöglich ein zweites Referendum - oder doch lieber nicht?

Folgt man dem britischen Germanisten Nicholas Boyle, ist der Brexit das Ergebnis einer Krise der englischen Identität, indem es nämlich keine Aufarbeitung der imperialen Vergangenheit gegeben hat und die Identität nach wie vor vom englischen Nationalismus und den Ideen von Britishness und British exceptionalism gespeist wird. "Mit diesen Konstrukten konnten die Engländer andere Nationen auf den Britischen Inseln überzeugen, die Waliser, Schotten und Iren bzw. Nordiren, sich an der Errichtung des britischen Weltreichs zu beteiligen."

- © Getty Images/blackred
© Getty Images/blackred

Anders als in Österreich, wo die Menschen begriffen haben, dass Österreich seit dem Ersten Weltkrieg keine Großmacht mehr ist, verweigern sich die Briten der Wahrnehmung, dass das britische Weltreich zerfallen ist. "Das unverarbeitete Trauma des Untergangs des Weltreichs" habe eine englische Psychose, eine narzisstische Störung, verursacht. Das Leave-Votum sei von nachwirkenden Vorstellungen der Bevorzugung und einer Nostalgie von der globalen Rolle Englands geprägt gewesen. "Auf dieser Grundlage werden die Globalisierung des Vereinigten Königreichs und ein Anknüpfen an das Konzept des Commonwealth of Nations als Alternative zur Europäischen Union beworben."

In der EU bleiben,
aber ohne Pflichten

Im Statut von Westminster wurde am 11. Dezember 1931 von den Dominions die Treue zur britischen Krone eingefordert. Folglich stimmt nicht, dass die Briten nicht wissen, was sie wollen, und es stimmt auch nicht, dass sie sich darin uneinig sind, was sie wollen. Ganz im Gegenteil: Sie wollen alle dasselbe, allerdings will das sonst niemand in der EU. Sie würden in der EU bleiben, aber ohne Pflichten, jedoch mit allen Rechten, möglichst keine Beiträge einzahlen, jedoch vom Freihandel profitieren und die Personenfreizügigkeit ablehnen.

Herren im "eigenen Haus" bleiben und anderen Völkern Vorschriften machen, globale Handelsbeziehungen eingehen, die ihnen zum Vorteil gereichen. Wieso wurde den Briten seit 1984 ein Rabatt auf ihre Beitragszahlungen gewährt? "I want my money back", forderte Margaret Thatcher. Eine Sonderregelung, die weder Frankreich noch Deutschland oder sonst einem Mitgliedsstaat zugestanden wurde.

"Es wird keine Rosinenpickerei geben", so brachte die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel die Sache gleich zu Beginn der Brexit-Verhandlungen auf den Punkt, keine der vier Bedingungen des Binnenmarktes (freier Verkehr von Gütern, Kapital, Dienstleistungen und Personen) stand einzeln zur Disposition. "Take it or leave it." Trotzdem versuchte Theresa May, als der Vertrag bereits fertig formuliert war, immer wieder doch noch an Rosinen heranzukommen.

Im Grunde verstehen die Engländer nicht, was sich geändert haben soll seit dem 19. Jahrhundert, als 1840 im neuseeländischen Ort Waitangi von 45 Maori-Stammesführern und dem Vertreter der britischen Krone jener Vertrag unterzeichnet wurde, der Neuseeland zu einer Kolonie des britischen Empire machte. Mit dem Vertrag wurden die Maori-Chiefs knallhart über den Tisch gezogen - enteignet wäre das treffendste Wort. Eigentlich wollten die Maori von den Briten Schutz vor europäischen Siedlern, die ihnen das Land streitig machten. In Wahrheit machten sie den Bock zum Gärtner.

Der erste Artikel des Vertrags behandelt die Souveränität. In der englischen Version übertragen die Maori ihre kawanatanga (Hoheitsgewalt oder Souveränität) komplett der britischen Krone. Dagegen erweckt die Übersetzung den Eindruck einer Gewaltenteilung. Die Maori dachten, die Briten würden sie vor einer Annexion durch andere schützen, was sie letztendlich auch taten, indem sie das Land selbst in Besitz nahmen. Die Maori waren jetzt britische Staatsbürger. Dass die Briten sich nun ungebremst auf ihrer Insel breitmachen würden, damit haben sie nicht gerechnet. Hätte der Missionar Henry Williams, der den englischen Text in die Sprache der Maori brachte, in seiner Übersetzung die Wörter kingitanga (uneingeschränkte Macht) und mana (Macht über das Land) für "all the rights and powers of Sovereignty" verwendet, hätte sicherlich kein Maori-Chief den Vertrag unterzeichnet.

Ob dieser Übersetzungsfehler gewollt oder aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse passierte, lässt sich nicht mehr verifizieren. Fest steht allerdings, dass den Maori das Land weggenommen und sie ihrer kulturellen Identität und wirtschaftlichen Unabhängigkeit beraubt wurden. Nach wie vor ist der Vertrag von Waitangi anwendbares Recht. Bis 1975 - also 135 Jahre - sollte es dauern, bis die Maori durch die Schaffung der Waitangi-Tribunals eine Möglichkeit erhielten, Besitzrechte einzuklagen und für Enteignung Kompensation zu fordern.

Das größte Bauprojekt
"mitten in der Wüste"

Und wie war das einst mit dem Sueskanal? (Suez ist die englische und französische Schreibweise.) Am 25. April 1859 wurde mit den Bauarbeiten begonnen, obwohl Großbritannien bereits im Vorfeld mit allen Mitteln versucht hatte, den Bau zu verhindern. Das größte Bauprojekt der damaligen Zeit lag "mitten in der Wüste", weit und breit war keinerlei Infrastruktur vorhanden. Trinkwasser und Verpflegung für 34.000 Arbeiter mussten aus Europa herangeschafft werden, ebenso das gesamte Baumaterial, Kohle, Eisen und Holz, Werkzeuge und Maschinen, wofür provisorische Eisenbahnanlagen errichtet wurden.

Beharrlich versuchte Großbritannien, einen Stopp der Bauarbeiten durchzusetzen, nachdem der Vizekönig Said Pascha verstorben war und der türkische Sultan noch immer keine offizielle Baugenehmigung erteilt hatte, denn zwischen 1517 und 1882 war Ägypten eine Provinz des Osmanischen Reichs.

Am 17. November 1869 wurde der Sueskanal feierlich eröffnet. Durch den Bau hatte sich Ägypten dermaßen verschuldet, dass das Land eigentlich von der Staatsschuldenverwaltung regiert wurde, errichtet von Frankreich und Großbritannien. Denn mittlerweile hatte Großbritannien die wirtschaftliche Bedeutung des Kanals für den Indienhandel erkannt und nicht bloß im großen Umfang ägyptische Kanalaktien erworben, sondern das Land 1882 zudem okkupiert. 1914 wurde Ägypten ein Sultanat unter britischem Protektorat.

Als das Protektorat 1922 aufgehoben und Ägypten ein Königreich wurde, sicherte sich Großbritannien die Kontrolle über die Kanalzone. Dieser Vertrag behielt seine Gültigkeit, obwohl Ägypten 1936 die Souveränität erlangt hatte. Eigentümer und wirtschaftlicher Nutznießer des Kanals, der inzwischen hohe Gewinne abwarf, blieb weiterhin die Compagnie universelle du canal maritime de Suez. Zwölf Jahre, bevor die Konzession der Kanalgesellschaft abgelaufen wäre, verstaatliche Präsident Nasser 1956 den Kanal, was die Sueskrise zur Folge hatte.

Was haben die Briten und die Römer gemeinsam? Sie waren überall dort präsent, wo sich ihre wirtschaftlichen Interessen bündelten, und ihre Macht setzten sie mit Waffengewalt durch. Die Römer sind Geschichte - und Groß-Britannien . . . ?

Zum Autor