Perspektive 1: Wiener Brennpunktschule: "Ja, das war sehr ertragreich, menschlich und fachlich", erzählt der Junglehrer leuchtenden Auges. "Die Schüler erforschten in Kleingruppen mit jeweils einer Lehrkraft die Umgebung ihrer Schule und erstellten davon Karten. Alle Herausforderungen, die sie mit der Aufgabenstellung hatten, erklärten wir gleich ganz konkret, sie lernten dabei mit sehr viel Freude am Tun." So wünscht sich jeder die Ausbildung seiner Kinder: Am konkreten praktischen Beispiel fachlich und menschlich gut begleitet lernen. Wie oft setzt der Junglehrer diese Lernmethode jetzt in der Fixanstellung ein? "Das geht leider gar nicht", bedauert er. "Heute stehe ich alleine in Klassen mit 25 bis 36 Schülern. Damals war das ein Ausnahme-Projekt während meiner Studienzeit mit einem Lehrer und sechs Studenten. Deshalb konnten wir die 28 Schüler auf sechs Arbeitsgruppen aufteilen." Hinsichtlich des Lernertrags, erwähnt der Junglehrer, ist das an seiner Schule besonders schwierig, weil dort von 36 Schülern oft nur zwei bis vier Deutsch als Muttersprache haben. Daran hat er auch seine Lehrmethoden angepasst: Lückentexte zum Ausfüllen u.Ä. "Ich gestalte die Anforderungen so, dass es die meisten irgendwie schaffen." Wie viel Zeit hat er, um erkennbare Talente unter seinen Schülern zu fördern? "Ehrlich gesagt: Keine. Bei so großen Klassen ist der Unterricht vielfach Disziplinier- und Sozialarbeit. Abgesehen davon, kann ich aufgrund der mangelnden Deutschkenntnisse der Schüler kaum erkennen, wer talentiert ist", meint der Junglehrer.

Perspektive 2: Innovationsforschung: Am 21. März 2019 berichtet in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" Dalia Marin, Professorin für Internationale Wirtschaft an der Maximilian Universität München, von einer Harvard-Studie zur Herkunft von Erfindern. Warum ist so eine Studie wichtig? Weil die Anzahl von Erfindern die Innovationsrate und damit das Wirtschaftswachstum eines Landes bestimmt. Ergebnis: Die Innovationsrate der US-Wirtschaft würde sich vervierfachen, wenn "es gelänge, Mädchen, Kinder von Minderheiten und aus armen Elternhäusern mit der gleichen Rate zu Erfindern zu machen wie Buben aus reichen Familien." Das wird in Österreich nicht viel anders sein.

Perspektive 3: Politik: Günther Oettinger, EU-Kommissar, findet, dass eine europäische Digitalunion geschaffen werden sollte, um im chinesisch-amerikanischen Wettbewerb bestehen zu können. Folgerichtig fordert er Investitionen in die Technik- und Informatik-Ausbildung. Zumindest letzterer Forderung stimmen auch österreichische Politiker zu und bedauern manchmal das mangelnde Interesse von Kindern und Jugendlichen an der IT.

Perspektive 4: Ressourcen: Mangelndes Interesse kann ein HTL-Lehrer für Informatik nicht bestätigen: Seine Schule muss Interessenten für den IT-Zweig abweisen, weil es zu wenig Räume und Werteinheiten dafür gibt, sie zu unterrichten.

Perspektive 5: Unternehmen: Insbesondere KMU spüren sehr deutlich, den hohen Wettbewerbsdruck aufgrund technologischer Fortschritte und weltweiter Entwicklungen. Sie benötigen dringend eine moderne Infrastruktur an Aus- und Weiterbildung. Nicht ab morgen, sondern seit gestern. Denn die Wettbewerbsuhr kann man nicht anhalten.

Sabine M. Fischer
(SYMFONY Consulting) ist Wirtschaftspädagogin und Human Resources-Unternehmensberaterin mit den Schwerpunkten Handel und Bildung. www.symfony.at