Vor genau 200 Jahren, am 9. April 1809, brach der Tiroler Volksaufstand gegen Napoleon und die mit ihm verbündeten Bayern aus. Der Tiroler "Säulenheilige" Andreas Hofer kämpfte mit seinen Bauernscharen für den Status quo. Er war geradezu reaktionär, ohne politisches Konzept, ohne Vision.

Ganz anders der Tiroler Bauernführer Michael Gaismair, der fast 300 Jahre vorher mit neuen religiös-politischen Ideen Furore gemacht und die erste republikanische Verfassung auf österreichischem Boden mit Menschenrechten und sozialen Grundrechten entworfen hatte und wenigstens die Bauernbefreiung dauerhaft durchsetzte. Noch immer steht aber Andreas Hofer im Mittelpunkt. Doch wer war Michael Gaismair? Und wie fällt ein Vergleich mit Andreas Hofer aus?

Sohn eines Grubenbesitzers und Kämpfer für Bergknappen

Gaismair wurde um das Jahr 1490 in die durchaus wohlhabende Familie des Ulrich Gaismair in Tschöfs bei Sterzing hineingeboren. Die Familie war über ihren Grubenbesitz mit dem Bergbauwesen verbunden und hatte ein kaiserliches Wegemeisteramt inne. Auch ein städtisches Leben und sogar eine Erhebung in den Adelsstand lagen in Reichweite.

Nach dem Besuch der Lateinschule, vermutlich in Sterzing, erwarb er auch juristische Kenntnisse, wahrscheinlich durch ein Jusstudium an der bischöflichen Schule von Brixen - wo auch die Ideale des reformorientierten Nikolaus von Cues noch nicht vergessen waren - und vielleicht auch an der renommierten Universität von Padua. 1512 unterschrieb Gaismair in Schwaz als eine von zwölf Personen eine Beschwerdeschrift an den Kaiser, in der die Bergwerksknappen der Silberbergwerke eine Verbesserung der Verhältnisse im Bergbau anstrebten.

Einen bedeutenden Einblick in das spätmittelalterliche Sozialgefüge erhielt er spätestens ab 1518 als Schreiber im Dienste des Tiroler Landeshauptmannes Leonhard von Völs, der auch die Landesprivilegien mit den wohlgehüteten ständischen Freiheiten auf seiner Burg Prösels aufbewahrte. Dieser war auch gestrenger Vorsitzender des viermal im Jahr tagenden Hofgerichtes in Bozen und ein unnachgiebiger Verteidiger adeliger Vorrechte. Als Verfasser von Briefen und Urkunden, aber auch zuständig für Vertragsverhandlungen, erhielt Gaismair einen umfassenden Einblick in den Rechtsalltag und das politische Geschehen. Er wurde zum Hauptmann berufen, der auch für Söldneranwerbungen zuständig war. Für seine Tätigkeit auf dem Tiroler Landtag von 1523 wurde er mit Damaststoff entlohnt (damals laut Kleiderordnung dem Adel und Universitätsprofessoren vorbehalten). Mit seiner Frau Magdalena hatte Gaismaier mehrere Kinder.

1524 quittierte er die Dienste des Leonhard von Völs - wobei dessen ausdrückliches Lob und Zustimmung zur Abrechnung spätere Veruntreuungsvorwürfe von Söldnergeldern widerlegten - und trat als Sekretär in die Dienste des Brixener Fürstbischofs Sebastian Sprenz, den ebenfalls eine große Machtfülle auszeichnete, repräsentierte er doch in seiner Burg zu Brixen führend den Prälatenstand. Gaismair erhielt nun Einblick ins verschwenderische Leben am bischöflichen Hof und in die Methoden des bischöflichen Gerichts, wo Folter bei Verhören Routine war.

Gaismairs Rolle im
Tiroler Bauernkrieg

Inzwischen waren die Gedanken der Reformation in Tirol eingesickert. Martin Luthers Schriften, Flugblätter und Pamphlete wurden wie Lauffeuer in allen Bevölkerungsschichten verbreitet und heizten die Stimmung auf. Hall, Schwaz, und Rattenberg, das Inntal und das Zillertal waren reformatorische Zentren, während sich südlich des Brenners auch schon Gruppen wie die (Wieder-)Täufer sammelten. Ab 1524 gab es erste Meldungen über Bauernzusammenrottungen und Aufstände in Süddeutschland. Ein geheimer Volksausschuss bildete sich gegen die Steuern- und Abgabenlast, gegen die weltliche Macht der Kirche und für mehr Mitsprache von Bürgertum und Bauernstand.

Der revolutionäre Funken sprang endgültig am 9. Mai 1525 über, als der seit Monaten wegen Widerstands gegen die willkürliche Bischofsherrschaft gefangen gehaltene Peter Päßler am Domplatz in Brixen hingerichtet werden sollte. Ein bewaffneter Haufen aus dem Volk befreite ihn, und am nächsten Abend fiel auch der Bischofssitz nach der Flucht der bischöflichen Beamten in die Hände der Aufständischen. Gaismair wurde zum obersten Feldhauptmann gewählt und trug am 14. Mai vor der Schmiede in Neustift, wo Radikale das Kloster geplündert hatten, die sogenannten 30 Artikel vor: eine Liste von Beschwerden und Forderungen des Volkes. In diesem Programm finden sich schon die Betonung des Evangeliums, der "Gleichheit aller Kinder Christi" und die Einsetzung der Pfarrer durch die ganze Gemeinde, die Mitbestimmung bei Richter- und Beamtenbestellungen sowie die Beseitigung der weltlichen Macht der Kirche und die Verweigerung von weiteren Abgaben an den Adel. Eine aufgefundene bischöfliche Schatztruhe wurde beschlagnahmt und für die Söldnerbezahlung und zur Versorgung von Armen verwendet.

Erzherzog Ferdinand gelang es im Gegenzug, die aufmüpfigen Knappen im Inntal sukzessive ruhigzustellen. Gaismair erhoffte Abhilfe vom Landesfürsten und hatte damals immer noch Vertrauen in den Gerechtigkeitssinn des künftigen Kaisers Ferdinand, wurde in der Folge aber maßlos enttäuscht. Ein Teil-Landtag in Meran vom 30. Mai bis 8. Juni 1525 verabschiedete noch die sogenannten 64 Meraner Artikel mit Beseitigung der weltlichen Macht der Kirche, Aufhebung der Klöster und einem Bündnis zwischen dem Landesfürsten und der städtischen und ländlichen Bevölkerung. Gaismair sicherte Ferdinand grundsätzlich Gehorsam und eine Beruhigung der Verhältnisse zu, doch bestand Ferdinand auf der sofortigen Übergabe der Schatztruhe an den Bischof.

Im Sommer 1525 berief Ferdinand endlich einen Landtag nach Innsbruck ein. Er hatte allerdings so lange zugewartet, bis der Schwäbische Bund in Süddeutschland die Bauernhaufen in erbitterten Schlachten siegreich bekämpft hatte. Vorerst waren auf dem Tiroler Landtag als vierter Stand noch 200 Bauern vertreten, die durchsetzten, dass die Vertreter der Prälaten nicht zugelassen wurden und nicht in Kurien, sondern im Plenum einzeln nach Köpfen abgestimmt wurde. Ferdinand konnte aber die Bauern geschickt gegen die Bergleute und Bürger ausspielen.

Tiroler Landesordnung 1526:
Es blieb bei der Theorie

Am 21. Juli ging der Innsbrucker Landtag zu Ende: Konservative Bauern, Bürger und Adelige konnten in Ausschüssen strittige Fragen gegen die Bauern entscheiden, und so blieb vom Reformprogramm kaum etwas übrig, außer eingeschränkte Robotdienste (wenn sie 50 Jahre lang nachgewiesen werden konnten) sowie die Erlaubnis der Feldeinzäunung und der Hundehaltung für Bauern. Nun konnte Ferdinand auch die sofortige Räumung der besetzten Brixener Burg verlangen, wobei dort ein interner Kampf zwischen Radikalen und Gemäßigten tobte, bis Gaismair am 21. Juli die Burg gegen Straffreiheit für jenen gewählten Zehner-Ausschuss, der die Bauern vertrat, an die erzherzoglichen Kommissäre übergab.

Inzwischen brodelte es wieder unter den Bauern im ganzen Land Tirol. Eine Einladung nach Innsbruck zur Klärung der Details der Burgübergabe nahm Gaismair unvorsichtigerweise an, wurde aber unter Hausarrest gesetzt und dann formell in Haft genommen. In der Nacht zum 7. Oktober 1525 konnte er aus dem Innsbrucker Gefängnis zu seiner Familie nach Sterzing flüchten. In einem Rechtfertigungs- und Protestschreiben an den Sterzinger Landrichter verurteilte er die weltliche Herrschaft der Kirche und betonte die Freiheit des Menschen gegen alle Ungerechtigkeit, wobei er deutlich - damals unzeitgemäß - gegen die grobe Behandlung seiner Frau und des Kleinkindes auftrat.

Aus Sicherheitsgründen reiste er in die Schweiz, wo er den Reformator Ulrich Zwingli traf. Die Freiheiten der Eidgenossen beeindruckten ihn nachhaltig. Er heckte einen Feldzugsplan mit einem Bündnis zwischen den Städten Zürich, Straßburg, Konstanz und Lindau aus, dem sich das Allgäu anschließen sollte, um von Graubünden aus zur Befreiung nach Tirol einzufallen und mit Hilfe von Aufständischen eine Republik zu gründen. Eine Auslieferung Gaismairs an Erzherzog Ferdinand wurde von Zürich dezidiert abgelehnt. In Graubünden knüpfte Gaismair Kontakte zu Abgesandten des französischen Königs und bereitete nun ein Revolutionsprogramm - die Tiroler Landesordnung - vor und stellte ein Söldnerheer für einen Einmarsch und Aufstände in Tirol im Frühling 1526 auf. Unterdessen setzte der Innsbrucker Hofrat ein Kopfgeld von vorerst 300 Gulden auf ihn aus, ab da hielt sich Gaismair eine Leibwache.

Am 2. Mai 1526 brach er nach Tirol auf, doch war vorerst sein Einsatz beim Pinzgauer Bauernkrieg über Vermittlung Peter Päßlers erforderlich. Ende Mai verstärkte Gaismair das 4000 Mann starke Belagerungsheer der Bauern vor Radstadt. Nach der Ermordung des Bauernführers Christoph Ganner-Setzenwein aus den eigenen Reihen übernahm Gaismair den Oberbefehl. Erfolglose Attacken wechselten mit einer siegreichen Bekämpfung heraneilender Truppenteile des Schwäbischen Bundes. Als dieser ein großes Söldnerheer nach Radstadt schickte, zog Gaismair mit seinem bunt zusammengewürfelten, internationalen Heer ab und über die Hohen Tauern und Lienz ins Pustertal. Er setzte auf das Gebiet der Republik Venedig über, wo seine Truppe politisches Asyl erhielt, während die übrigen Belagerer Radstadts von kaiserlichen Truppen exemplarisch bestraft und großteils gehängt wurden.

Im Dienste Venedigs bewährte sich Gaismair als tapferer "condottiere" etliche Male erfolgreich, so - trotz Krankheit (vermutlich Malaria) - bei der Eroberung von Cremona am 23. September 1526. Die venezianische Führung vertröstete ihn immer wieder, was den geplanten Einfall in Tirol betraf, beziehungsweise führte ihn bewusst hinters Licht, doch lieferte sie ihn nicht an den Kaiser aus und zahlte ihm ab 1528 eine Jahrespension. In diesem Jahr erwarb er auch ein Bauerngut nahe Padua, wo er trotz inzwischen 2000 Goldgulden Kopfgeld mit seiner Frau und vier Kindern samt Leibwache lebte und teilweise auch die Wiedertäufer unterstützte. Er spann weitere internationale Kontakte, um den "Tyrannen Karl V." mit vereinten Kräften zu stürzen, während sich venezianische Diplomatie wieder mit dem Kaiser und dem Papst verbündete.

Zur Gründung der Tiroler Republik kam es nicht mehr: Am 15. April 1532 wurde Gaismair auf den Freitreppen seines Landgutes mit 42 Stichen ermordet und entstellt. Erzherzog Ferdinand persönlich hatte die Tat in Auftrag gegeben, um nicht nur einen der meist gefürchteten Zeitgenossen zu beseitigen, sondern auch seine zündenden revolutionären Ideen zu vernichten.

Tiroler "Nationalheld": Michael Gaismair oder Andreas Hofer?

Im Vergleich zu seinem Südtiroler Landsmann Andreas Hofer ist das Verhältnis seiner Heimat zu Michael Gaismair ein ambivalentes. Gemeinsam war beiden Willensstärke und Tapferkeit als Heerführer, die sich auf aufständische Bauernhaufen stützten, aber stark polarisierend wirken konnten. Beide hatten ein Auftreten wie Volkstribunen und zeigten ein hervorragendes organisatorisches Talent, auch bei ihren provisorischen Landesverwaltungen.

Beide waren persönlich anspruchslos, versuchten oft mäßigenden Einfluss auszuüben und hatten einen ausgeprägtem Familiensinn. Und beide wurden Spielball höherer politischer Mächte (Wien, Venedig), in der Folge im Stich gelassen beziehungsweise verraten und dienten letztlich als Bauernopfer der Mächtigen.

Der historische Unterschied zeigt sich beim Einsatz der beiden Patrioten für ihre Tiroler Landsleute darin, dass Hofer politisch auf den Status quo im Habsburgerreich beharrte, während der hochgebildete Gaismair neue zukunftsweisende Ideen entwickelte und eine revolutionäre Veränderung der politischen Landschaft anstrebte. Er hatte eine umfassende gesellschaftliche Neuordnung im Sinn, losgelöst vom Habsburger Herrscherhaus. Er war strikt bibeltreu, aber kirchenkritisch und setzte reformatorische Ideen bewusst im Alltagsleben um.

Während Hofer nur mit seinem martialischen Gehabe als unkritischer Haudegen in kollektiver Erinnerung bleiben wird, verdient es Gaismair wohl, als höchst markanter Tiroler Kopf in die europäische Ideen- und Sozialgeschichte einzugehen, der - die Tiroler Kirchturmpolitik verlassend - eine in vielerlei Hinsicht grenzüberschreitende europäische Dimension einführte und damals noch unzeitgemäße demokratische Spielregeln entwarf, die dann mit der demokratischen US-Verfassung 1776 und der Französischen Revolution 1789 unter dem Schlagwort "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" Furore machten und heute teilweise als selbstverständlich gelten, teilweise aber weltweit noch immer ihrer Umsetzung harren.

Beim Blick auf den Bauernführer Andreas Hofer sollte nicht auf Michael Gaismair vergessen werden.