Der "Corbynismus" ist schon ein Phänomen. Es geht hier nicht um einen "lunatic fringe" (politischen Narrensaum), sondern um eine europäische Großpartei. Eine, die noch unter New Labour Ansehen genoss, ehe Tony Blairs kreativer Umgang mit der Wahrheit den politischen Sinkflug einleitete. Kürzlich haben acht Labour-Parlamentarier endgültig das Handtuch geworfen; ein in der Parteigeschichte einmaliger Vorgang. Sie ertrugen den bereits "institutionalisierten Rassismus", der unter dem Parteichef Jeremy Corbyn aufgeblüht ist, nicht mehr.

Was von außen wie der Höhepunkt eines internen Machtkampfes aussah, wurzelte mehr in einer stark veränderten Parteikultur. Es ist das Kalkül politischer Stimmungsmache, um den eigenen Einfluss zu vermehren. Dort, wo die Moral zum Luxus verkommt, setzt der Korpsgeist ein. Bei keiner Partei sind antisemitische Vorfälle dermaßen virulent wie bei den britischen Sozialdemokraten. Das erklärt zwar die Ermittlungen von Scotland Yard zu möglichen Hassverbrechen bei Labour, nicht aber deren Abwehrhaltung. Dass viele führende Mitglieder das Problem bis heute nicht ernst nehmen wollen, liegt laut der NGO "Campaign Against Antisemitism" an der sogenannten Livingstone-Formel, benannt nach dem früheren Londoner Labour-Bürgermeister Ken Livingstone: Grundsätzlich werden alle Beschwerden über Antisemitismus als bloße Fabrikate des politischen Gegners abgetan.

Dass dem nicht so ist, beweisen schon die vielen Vorfälle und Rücktritte aus den Labour-Reihen selbst. Der Antisemitismus hat aber auch in der britischen Gesellschaft insgesamt zugenommen. Allein die Statistik der "Community Security Trust" zeigt: Im Jahr 2018 gab es insgesamt 1652 antisemitische Vorfälle, der höchste je gemessene Wert. Old Labour ist für diese Entwicklung ein bevorzugtes Sammelbecken geworden.

Viele dokumentierte Kommentare führender Labour-Politiker entspringen den klassischen antisemitischen Denkmustern extrem linker wie rechtsextremer Kreise. Der frühere Londoner Großrabbiner Lord Sacks verglich Corbyn indirekt mit dem ehemals konservativen Politiker Enoch Powell. Dieser hatte in seinen Reden vor den Gefahren der Masseneinwanderung aus Commonwealth-Staaten gewarnt, ehe seine xenophobe Rede vom 20. April 1968 über "Ströme von Blut" rasch seine Karriere bei den Tories beendete. Noch in einer TV-Dokumentation aus dem Jahre 1995 sagte er zum BBC-Journalisten Micheal Cockerill: "Was ist falsch am Rassismus? Er ist die Basis für Nationalität." Corbyn sagte 2013 in einer Rede zu einer Gruppe britischer Juden: "Obwohl sie schon so lange in diesem Land leben, vielleicht sogar ihr ganzes Leben, verstehen sie die englische Ironie nicht." Damit schlug er nach Sacks Ansicht in Powells Kerbe.

Allerdings gingen Powells rassistische Fieberfantasien noch weiter. So verlangte er etwa die Massenrückführung von "Migranten", die schon seit Generationen in Großbritannien lebten. Powell erreichte damals durch das aufgeheizte Gesellschaftsklima eine Zustimmungsrate von fast 82 Prozent. Der "Corbynismus" - ein Lehrbeispiel aus Elias Canettis "Masse und Macht".