Die Briten möchten nicht die Nummer drei in der EU sein

Jochen Buchsteiner, Korrespondent der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" in London, hat sein 2018 erschienenes Brexit-Buch folgerichtig "Die Flucht der Briten aus der europäischen Utopie" betitelt. Den Briten schwimmen die letzten Schaffelle davon, also wollten sie die Reißleine ziehen. Trotz des massiven Drucks der Rechtspopulisten zum Erhalt der Nationalstaaten wird die Utopie einer Art "Vereinigte Staaten von Europa" Stück für Stück verwirklicht werden. Die wachsende Konkurrenz zwischen den USA, Russland und China zwingt den Kontinent dazu. Die Briten möchten in dieser Konstellation jedoch nicht die Nummer drei neben Deutschland und Frankreich sein. Als Klammer reicht ihnen die Nato.

Britische Anläufe, dem Kontinent den Willen der Inselpolitik aufzuzwingen, sind mehrmals gescheitert. Die zwei wichtigsten: 1992 trat Großbritannien nicht dem Euro bei, das Pfund blieb Währung und Symbol der Unabhängigkeit. Und im Frühjahr 2003 machte der damalige Premier Tony Blair im dritten Golfkrieg gemeinsame Sache mit US-Präsident George W. Bush - gegen das französisch-deutsche Bündnis und die EU. Gekittet wurde das Verhältnis nicht mehr.

Dazu kamen die fast jährlichen Streitigkeiten um die britischen Beiträge zum EU-Budget. Auch dafür gibt es historische Konfliktbelege. Schon unter den Tudor-Königen verlangte der Papst in Rom von London hohe Steuerleistungen. Schon in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts führte der Kirchenreformer und Vatikan-Gegner John Wycliff mit Unterbrechungen zweijährige Verhandlungen in Brügge mit dem Ziel einer Herabsetzung, teils sogar einer Aussetzung der Zahlungen an den Papst. Die Pressionen Margaret Thatchers in den 1980ern erinnerten daran. Thatcher drohte mit dem EU-Austritt, Wycliff mit dem Verlassen der Kirche von Rom. Der Preis, den London zu zahlen bereit war, sollte immer weit niedriger sein als die Handels- und Freiheitsvorteile.

Freihandel mit den USA,
weit geöffnete Tore für China

Der Brexit wird passieren, Großbritannien wird im Straßenverkehr weiterhin links fahren, (Kontinental-)Europa rechts. In den Londoner Flughäfen wird es neue Passkontrollen geben. Die neuen Allianzen aber werden von den Reisenden kaum bemerkt werden.

Was jetzt schon vorbereitet wird, sind bilaterale Handelsverträge mit den USA. Die irischen Bevorzugungen für die großen US-Internetkonzerne werden sich auf Großbritannien ausdehnen. Gleichzeitig werden sogenannte gentechnische Fortschritte in der Landwirtschaft auf den britischen Inseln praktiziert werden. Sowohl in den Biowissenschaften als auch bei Big Data wird man sich nicht mehr von der EU regulieren lassen - und damit auch die Tore zu China weit öffnen.

Boris Johnson, ehemaliger Londoner Bürgermeister und kurzzeitig britischer Außenminister, hat in einem Plädoyer für den Brexit die britische Utopie so formuliert: "Von den 193 gegenwärtigen UN-Mitgliedern haben wir 171 einmal erobert oder zumindest überfallen. Die einzigen Länder, die scheinbar davongekommen sind, sind Orte wie der Vatikan oder Andorra. In der Periode zwischen 1750 und 1865 waren wir bei weitem das politisch und wirtschaftlich mächtigste Land der Erde." Wenn solche Phasen wiederkehrten, wären sie nur nach einem Brexit möglich.

Großbritannien kehrt bestenfalls dorthin zurück, wo es 1951 stand, als Premierminister Winston Churchill zu Konrad Adenauer in der Downing Street sagte: "Sie können beruhigt sein, Herr Bundeskanzler, Großbritannien wird immer an der Seite Europas stehen."

Neben den wirtschaftlichen Konflikten birgt der Brexit einen Sprengstoff,
der vor allem auf dem Kontinent kaum beachtet wird.

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