Zum jüngsten Artikel über den Prominententransport nach Dachau am 1./2. April 1938 darf ich einige persönliche Bemerkungen machen. Ich habe mehrere "Häftlinge" dieses Transportes, die Dachau, Buchenwald und andere Konzentrationslager und Vernichtungsstätten der Nationalsozialisten überlebt haben, persönlich gekannt. Meine verstorbenen Eltern Sidonie und Josef Rubin-Bittmann, die in Wien als Juden versteckt waren - als "U-Boote" -, waren mit diesen Menschen befreundet beziehungsweise in engem Kontakt. "U-Boote" nannte man jene Juden, die versuchten, sich dem Zugriff der NS-Vernichtungsmaschinerie zu entziehen; meist vergeblich - von den mehr als 3000 "U-Booten" erlebten nur 80 in Wien die Befreiung vom Nazi-Regime durch die Rote Armee.

Einer davon war der Rechtsanwalt Emil Maurer, Sozialdemokrat und Jude, Opfer des Prominententransportes und nach dem Zweiten Weltkrieg Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) während eines Jahrzehnts. Er war in der IKG Wien ein politischer Gegner meines verstorbenen Vaters. Er vertrat den Bund werktätiger Juden mit damals 17 Mandataren - mein Vater war Repräsentant des Zionistischen Blocks mit 4 Mandaten; es gab Auseinandersetzungen, die bis in die Morgenstunden dauerten. Dennoch waren beide einander menschlich zutiefst verbunden.

Ein Wohlstandsbauch als Kompensation für das KZ-Leid

Fritz Rubin-Bittmann wurde 1944 in Wien geboren und überlebte als "U-Boot". Er ist Arzt für Allgemeinmedizin (2016 mit dem Berufstitel Professor ausgezeichnet) und hat zu Zeitgeschichte und Religionsphilosophie publiziert. - © Angela Lenzi
Fritz Rubin-Bittmann wurde 1944 in Wien geboren und überlebte als "U-Boot". Er ist Arzt für Allgemeinmedizin (2016 mit dem Berufstitel Professor ausgezeichnet) und hat zu Zeitgeschichte und Religionsphilosophie publiziert. - © Angela Lenzi

Bei meiner Bar-Mitzvah-Feier (im Judentum wird der 13. Geburtstag eines Burschen in der Synagoge feierlich begangen), nach meiner Lesung aus einem Abschnitt der Torah und einer Lesung des Propheten Jesajah, gab es ein Abendmahl, zu dem auch Maurer kam. Er war ein gewichtiger Mann mit einem großen Bauchumfang, und als er versuchte, sich auf einer Bank zum Tisch vorzubeugen, bemerkte ich: "Herr Präsident, es wäre besser, wenn Sie auf einem Sessel und nicht auf einer Bank Platz nehmen würden, weil Sie dadurch weniger durch Ihren Bauch behindert würden!" Maurer lachte und meinte: "Fritz, in diesem Bauch steckt ein riesiges Vermögen."

Nach Fritz Rubin-Bittmanns Eltern wurde eine Promenade in Wien benannt. - © Moritz Ziegler
Nach Fritz Rubin-Bittmanns Eltern wurde eine Promenade in Wien benannt. - © Moritz Ziegler

Ich kannte aus den Erzählungen Maurers und anderer Mitglieder dieses Prominententransportes Berichte über schwere Misshandlungen während der Zugfahrt vom Westbahnhof ins Konzentrationslager Dachau. Der Transport war besonders für Juden bereits ein Martyrium, denn die österreichischen Bewacher hatten Spaß daran, die "Häftlinge" dadurch zu quälen, dass diese nicht aufs Klosett gehen durften, und sie ihnen derb sagten, sie sollten "in die Hosen sch . . .".