Maurer war zwei Jahre KZ-Häftling gewesen - durch Hungerrationen hatte er in diversen KZ bis zu seiner Freilassung stark abgenommen. Meine Mutter meinte, dass er nach seiner Freilassung dieses quälende Hungerleiden durch üppiges Essen kompensiert habe. Diese Reaktion war wahrscheinlich ein Versuch, psychisch die KZ-Leiden selbst zu therapieren.

"Am grausamsten waren die österreichischen SSler"

Im Konzentrationslager Dachau wurde des Öfteren den "Häftlingen", die schwer misshandelt wurden, erklärt: "Ihr seid ja in keinem Sanatorium." Die jüdischen KZ-Insassen wurden wesentlich schlechter behandelt als die "politischen Häftlinge".

Ich kannte auch zwei der Brüder Burstyn - sechs Familienmitglieder waren in diesem Transport: drei Brüder und deren Cousins. Fünf Burstyns überlebten die KZ und anschließende Misshandlungen in der Sowjetunion. Einer der drei Cousins wurde in Auschwitz ermordet. Heinrich Burstyn hatte überlebt und war in Wien ein erfolgreicher Kaufmann; er war ein Anhänger Vladimir Jabotinskys, der die Jugendorganisation "Betar" gegründet hatte und der geistige Vater der "Heruth" war. Er war ein sehr geselliger Mann und meinte über seine Zeit im KZ nur: "Kein Tier kann so grausam sein wie der Mensch. Am grausamsten waren die österreichischen SSler." Auch er durfte während des Transportes nicht aufs Klo.

Ein weiterer Bruder, der überlebt hatte, war Hotelier in Tel Aviv; er hatte in der Nähe des Strandes ein gutbesuchtes Hotel - sehr viele Wiener Juden, die nach Israel reisten, stiegen bei ihm ab. Trotz aller Demütigungen, fürchterlichen Erlebnisse und schwersten Misshandlungen während der NS-Zeit hatte er Sehnsucht nach Wien: "Jetzt ist Israel meine Heimat, und ich lebe hier frei als Jude. In Wien hatte ich viele christliche Freunde und Bekannte, die mich nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten nicht grüßten, und keiner half mir in meiner Notsituation. Dennoch ist für mich Wien ein wichtiger Teil meines Lebens, und ich habe diese Stadt, als wir noch nicht von Nationalsozialisten verfolgt wurden, sehr geliebt." Gelegentlich fügte er hinzu, wenn er nach Wien reiste: "On reviens toujours à son premier amour." ("Es zieht einen immer wieder zur ersten Liebe zurück.")

Ein politisches Gespräch mit Leopold Figl am Semmering

Bei einem Spaziergang am Semmering wurde ich einmal Zeuge eines Gesprächs zwischen Leopold Figl und meinem inzwischen verstorbenen Vater, den er bat, als Nationalrat für die ÖVP auf einem listensicheren Platz zu kandidieren: "Bittmann, du bist bekannt als aufrechter, mutiger Mann mit Durchschlagskraft und sehr erfolgreich. Als Menschen, die unter Hitler anderen Verfolgten geholfen und das Leben gerettet haben, haben du und deine Gattin das eigene Leben riskiert. Wir brauchen dich als jüdischen Repräsentanten und als Menschen mit Zivilcourage." Mein Vater bedankte sich sehr für diese Worte und das ehrenvolle Ansinnen, lehnte aber ab: "Ich bin Jude und vertrete nur jüdische Interessen in Österreich. Ich bin Mitglied der ‚Claims-Konferenz‘, die von Österreich während der NS-Zeit geraubtes jüdisches Eigentum zurückverlangt. Ich würde als Nationalrat der ÖVP vermutlich oft in eine Konfliktsituation mit meiner jüdischen Interessenlage kommen. Ich danke für die Ehre und schätze Sie als einen Mann, der für Österreich viel getan hat!" Auch Figl war übrigens im Prominententransport Anfang April 1938 gewesen, weil er ein wichtiger Repräsentant des Ständestaates gewesen war.