Vom eigenen Chauffeur der Gestapo ans Messer geliefert

Ein weiterer "Häftling" im Prominententransport war Ludwig Klausner, ein Verwandter meiner verstorbenen Mutter Sidonie und Inhaber der Firma Del-Ka (später Delka). Er kam als Jude und Mitglied der Vaterländischen Front nach Dachau. Klausner fasste bereits in den ersten Tagen nach Adolf Hitlers Einmarsch in Österreich den Entschluss, das Land zu verlassen, und beauftragte seinen langjährigen Chauffeur, ihm eine Bahnkarte nach Zürich zu besorgen und ihn zum Westbahnhof zu fahren. Dort wartete aber bereits die Gestapo auf ihn. Sein "treuer" Chauffeur hatte sie vorsorglich über die Fluchtabsichten seines Chefs informiert. Dabei hatte dieser ihm nur Gutes erwiesen. Dass er Klausner ans Messer lieferte, brachte dem Chauffeur selbst übrigens keinen persönlichen Vorteil. Mit seiner Illoyalität zeigte er jene "selbstlose Gemeinheit", die Arthur Schnitzler in seinem Werk "Professor Bernhardi" beschrieben hat und die damals in Wien weit verbreitet war, wenn es galt, Juden Schlechtes zuzufügen und sie zu denunzieren.

Auch von Direktor Josef Fellner, der als Lehrbub von Klausner sehr gefördert worden war und später nach dem Zweiten Weltkrieg den Delka-Konzern führte, hörte ich ein typisches Beispiel dieser "selbstlosen Gemeinheit": Jüdische Geschäfte waren mit Davidsternen und Aufschriften wie "Kauft nicht bei Juden" beschmiert. Fellner arbeitete damals als Lehrbub in einer Delka-Filiale auf der Taborstraße. Er wollte eine Auslage dekorieren und entfernte zu diesem Zweck die Waren aus dem Schaufenster. Eine johlende Meute sammelte sich vor dem Geschäft an, in der Annahme, er wolle es plündern, und schrie: "Recht so, lass den Juden nichts übrig. Die Juden verdienen nichts anderes, sie sind Betrüger, Blutsauger und Volksschädlinge!"

Klausner selbst wurde auf dem Transport verhöhnt, gedemütigt, mehrfach geohrfeigt und schwer misshandelt. Die österreichischen SS-Leute hatten offenbar Spaß daran. In Dachau selbst erwartete ihn ein Martyrium. Unter Verzicht auf sein Vermögen wurde er dann nach mehr als einem Jahr freigelassen und konnte nach Übersee fliehen. Die Firma Delka wurde von der Creditanstalt arisiert.

Der Delka-Chef war nach dem Krieg ein gebrochener Mann

Meine Mutter erzählte später, dass Klausner nach dem Krieg ein gebrochener Mann war, der mit den Österreichern nichts mehr zu tun haben wollte. Seine von der Creditanstalt (CA) arisierte Firma verkaufte er "um ein Butterbrot" an die CA, deren Generaldirektor Josef Joham ihn über den Tisch zog. Joham galt als berühmt-berüchtigter Opportunist; Menschen seiner Art hatten nach dem Zweiten Weltkrieg oft große Erfolge und wurden durch Arisierungen reich.

Meine Eltern, die mit mehreren Opfern des Prominententransportes verwandt, befreundet und bekannt waren, repräsentierten das jüdische Schicksal dieser Epoche - die "conditio judaica" der Verfolgten und Überlebenden des Nazi-Regimes. Nach meinen verstorbenen Eltern wurde auf dem Gelände des ehemaligen Aspanger Bahnhofes im 3. Wiener Bezirk, von dem aus etwa 50.000 österreichische Juden die Reise in den Tod antreten mussten, die Rubin-Bittmann-Promenade benannt.

Zum Autor