Gibt es etwas Bequemeres für einen politischen Akteur als ein moralisches Feindbild? Vor allem, wenn die damit Gemeinten ohnehin bereits aus allen Richtungen ins Eck gedrängt werden und in der öffentlichen Meinung unberührbar sind, stehen die Zeichen besonders günstig. In einer solchen Konstellation kann auch der prinzipienlose Karrierist risikolos zum integeren Widerstandskämpfer mutieren und eine perspektivenlose Partei ihren Mangel an Inhalten mit Empörungs- und Distanzierungsfloskeln übertünchen.

"Derartiges hat in unserer Demokratie keinen Platz", hört man aus allen Richtungen. Was genau aus welchem Grund keinen Platz hat, wird nicht mehr diskutiert. Wer diesen Platz absteckt, auch nicht, da sich ja alle - selbst jene, die ideologisch kaum etwas von den Parias trennt - einig sind. Am allerwenigsten wird jedoch ernsthaft diskutiert, wo der so lustvoll abgelehnte Extremismus überhaupt her kommt.

Medienaffine Extremismusexperten neigen dazu, den Ursprung solcher Tendenzen zu pathologisieren. Krankhafte Ängste, irrationale Sorgen, Minderwertigkeitsgefühle und vor allem Hass - die trendigste aller Allzweckerklärungen - dienen als Prothesen für seriöse Versuche, diesem Phänomen auf den Grund zu gehen. Ignoriert wird dabei die Tatsache, dass jedes politische Argument oder gleich ganze Denkrichtungen durch eine Reduktion auf als niedrig empfundene psychologische Bedürfnisse oder illegitime verborgene Interessen abgewertet werden können.

Geistiger Kurzschluss

Wahrscheinlich folgt man diesem geistigen Kurzschluss auch wider besseres Wissen, da eine ernsthafte Auseinandersetzung immer das Risiko in sich birgt, als Sympathie fehlgedeutet zu werden. Ein Risiko, das in Zeiten schneller Medienhysterie, absichtlichen Missverstehens und Kontaktschuld selbst die objektivsten Analytiker nicht einzugehen gewillt sind. Streifte man diese Ängste ab, könnte einem ein gewisser Zusammenhang zwischen dem beschriebenen Opportunismus und extremistischen Tendenzen gleich welcher Richtung auffallen. Denn beide sind Symptome der vielfach konstatierten postpolitischen Entwicklung und des damit einhergehenden Verfalls der politischen Debattenkultur.

Gerade junge Menschen sehnen sich nach Selbstwirksamkeit und Gemeinschaften, in denen sinnstiftende Tätigkeiten in Richtung von Werten mit einem gewissen Wahrhaftigkeitsanspruch vollzogen werden - kurz: einer Aufgabe. Wenn die klassischen Parteien diesen Ansprüchen nicht genügen und somit diesen an sich wertvollen Antrieb nicht mehr einhegen können, werden sich immer Gruppen bilden, die aufgrund ihrer Nichteinbettung in einen historisch gewachsenen organisatorischen Rahmen zur Übertreibung neigen.

In diesem Sinne bilden extremistische Gruppen quasi den Schatten unserer gesellschaftlichen Verfasstheit. Und seit C.G. Jung wissen wir, dass sich ein genauerer Blick auf diesen Schatten, frei von moralischer Überheblichkeit, durchaus lohnt.

Denn auch dem Extremismus wohnt eine gewisse Bequemlichkeit inne. Aus seiner Perspektive stellt sich jeder Kompromiss als ein fauler dar, wodurch niemals wirklich Verantwortung übernommen werden muss. Deshalb ist es wenig sinnvoll, mit Stigmatisierung, dauerhafter Exklusion oder gar Verfolgung zu reagieren, was nur zu weiterer Radikalisierung führt. Viel eher ist genau bei diesem Verantwortungsgefühl anzusetzen. Die konkrete Übernahme von Verantwortung ist es nämlich, die wahrhaft sinnstiftend wirkt und somit im Reifeprozess eine Übersteigerung abstrakter Werte überflüssig macht.