Hubert Thurnhofer hat Philosophie studiert und als Deutsch-Lektor in Moskau gearbeitet. Er war Journalist und betreibt seit 20 Jahren eine Galerie in Wien (Blog: www.ethos.at).
Hubert Thurnhofer hat Philosophie studiert und als Deutsch-Lektor in Moskau gearbeitet. Er war Journalist und betreibt seit 20 Jahren eine Galerie in Wien (Blog: www.ethos.at).

Im ORF-"Kulturmontag" zeigte jüngst ein Interview mit Professor Konrad Paul Liessmann, dass es auch für Experten nicht leicht ist, die Begriffe "Werte", "Ethik" und "Moral" klar abzugrenzen. Die einen weisen Ethik und Moral dieselbe Bedeutung zu, die anderen sehen darin zwei grundsätzlich unterschiedliche Disziplinen. Doch Ethik ist keine wissenschaftliche Disziplin, sondern jede Suche nach einer Antwort auf die Frage: "Warum soll man etwas tun (oder unterlassen)?" Moral dagegen gibt Antwort auf die Frage: "Was soll ich tun (oder unterlassen)?" Synonyme für Moral sind: Sitten, Gewohnheiten, Gebräuche. Oft gehen Inhalte verloren, sodass nur das Brauchtum übrig bleibt. Jede Gesellschaft oder Religion hat ihre eigene Moral. Es gibt also viele Moralen, aber nur eine Ethik.

Die Vereinfachung der Ethik auf die Frage: "Warum soll ich etwas tun?" ist kein Reduktionismus. Sie ist im Gegenteil universell und steht über der Frage: "Was soll ich tun?", also auf einer Metaebene. Die Frage nach dem Warum überschreitet gleichzeitig die Grenzen der Moral, die sich aufs "Was soll ich tun?" beschränkt.

Reduktionistisch wäre Ethik als Wissenschaft, denn die wertneutrale Wissenschaft muss jede Moral als gleichwertig betrachten. Damit manövriert sich die Ethik als Wissenschaft in eine Pattsituation. Denn Wissenschaft darf nur analysieren, beobachten und erklären, aber nicht beurteilen, welche Moral besser und welche schlechter ist. Kein Wissenschafter darf sich dem Risiko aussetzen, durch sein Urteil zur verurteilen. Damit würde er ein Tabu überschreiten - genau das ist aber eine essenzielle Aufgabe der Ethik.

Dagegen sind Eingrenzung und Ausgrenzung essenzielle Aspekte jeder Moral. Alles außerhalb der jeweiligen Moral ist tabu. Bewahrung des Bewährten gehört zum Grundkonzept jeder Moral, sie ist somit konservativ. Ein Mensch kann ein Leben lang moralisch handeln, ohne je die Moral in Frage zu stellen. Moralisch wahr sind die Werte, die sich bewährt haben.

Werte sind keine unabänderlichen, endgültigen Maßeinheiten wie Kilogramm oder Meter, sondern Orientierungspunkte. Mit jeder Annäherung ändert sich auch die Sicht auf sie - und damit auch der jeweilige Wert selbst.

Angesichts der Vielzahl werthaltiger Begriffe des 21. Jahrhunderts wäre eine weitere Differenzierung notwendig, etwa in folgenden vier Kategorien:

Grundwerte als Fundament unserer Gesellschaft (Demokratie, Freiheit, Gerechtigkeit etc.);
Zielwerte, die man erreichen will, aber nie vollständig erreichen kann (Gesundheit, Fitness, Glück u.ä.);
Gebrauchswerte, die den täglichen Umgang miteinander erleichtern (Respekt, Toleranz, Offenheit);
Messwerte zur Beurteilung anderer Menschen und deren Verhalten (gut/schlecht, gerecht/ungerecht, empathisch/egoistisch).

Es ist auch an der Zeit, nach unseren europäischen Grundwerten zu suchen, denn offensichtlich kommen wir mit den Werten, die Europa 2000 Jahre lang geprägt haben, im 21. Jahrhundert nicht mehr weiter. Eine breite Diskussion über Grundwerte sollte nicht den Parteien überlassen, sondern vom Volk geführt werden. Der Ethikunterricht ist ein guter Beitrag dazu.

Hubert Thurnhofer hat Philosophie studiert und als Deutsch-Lektor in Moskau gearbeitet. Er war Journalist und betreibt seit 20 Jahren eine Galerie in Wien. Außerdem bloggt er auf www.ethos.at.