Guido Schäfer ist a.o. Universitätsprofessor am Department Volkswirtschaft der WU Wien. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen Geld- und Finanz sektor sowie Wettbewerb. - © privat
Guido Schäfer ist a.o. Universitätsprofessor am Department Volkswirtschaft der WU Wien. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen Geld- und Finanz sektor sowie Wettbewerb. - © privat

Die wirtschaftspolitischen Verheißungen der "Modern Monetary Theory" (MMT) sind zahlreich. Nichts weniger als inflationsfreie Vollbeschäftigung mitsamt Finanzierung von ökologischer Wende, neuen sozialen Ausgabenprogrammen und Investitionen in die öffentliche Infrastruktur werden in Aussicht gestellt. Der Weg dahin soll über notenbankfinanzierte staatliche Ausgaben führen.

Dem Staat gehen dabei nie die Mittel aus, da die Notenbank das erforderliche Geld zur Bedeckung der Ausgaben selbst erzeugen kann. Bestehen in einer Volkswirtschaft unterausgelastete Produktionskapazitäten und wird das frische Geld maßvoll ausgegeben, entsteht gemäß MMT keine Inflation, die das Fundament der Notenbankfinanzierung untergraben würde.

Die Zuspitzungen der MMT lassen nur zwei mögliche Beurteilungen zu - entweder handelt es sich um eine geniale neue Wirtschaftskonzeption zur Befreiung der Menschheit von einigen ihrer schlimmsten Geißeln, oder der Ansatz muss fehlerhaft sein. Die Mainstream-Ökonomie und ein Großteil des wirtschaftspolitischen Establishments lehnen die MMT vehement ab.

Dissens in der Theorie . . .

- © apa/Artinger
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Die Probleme beginnen damit, dass die theoretischen Grundlagen der MMT nicht leicht fassbar sind. Auf mathematische Modelle zur Formulierung logisch konsistenter Theorien und auf ihre statistische Überprüfung - wie in der Mainstream-Ökonomie üblich - wird weitgehend verzichtet. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman beklagte etwa, dass er immer noch nicht wisse, was die MMT eigentlich genau sei.

Die MMT stellt grundlegende, breit akzeptierte Vorstellungen über "richtige" Wirtschaftspolitik in Frage. Hierzu zählen etwa die Bedeutung einer unabhängigen, glaubwürdigen, dem Ziel der Preisstabilität verpflichteten Notenbank, die Schaffung von wirtschaftlichem Wohlstand durch produktivitätssteigernde Investitionen innerhalb eines stabilen monetären Rahmens sowie die Warnung vor wachsendem Inflationsdruck bei starker Ausdehnung der Geldmenge und bei Annäherung an die volkswirtschaftliche Kapazitätsgrenze.

Analytisch erscheinen die Gräben zwischen der MMT und der Mehrheitsmeinung unüberbrückbar. Wenn eine Notenbank systematisch die Staatsausgaben finanzieren soll, kann sie nicht unabhängig sein und glaubwürdig ihre Tätigkeit auf die Schaffung von Preisstabilität ausrichten. Wenn eine stark wachsende Geldmenge zur Finanzierung staatlicher Ausgaben einer moderat wachsenden Gütermenge gegenübersteht, ist mittelfristig mit Inflation zu rechnen. Wenn Inflation die Effizienz der Wirtschaft lähmt, können Geldmengenausweitungen nicht den Wohlstand mehren. Wenn staatliche Defizite nicht beliebig durch die Notenbank finanzierbar sind, existieren weiterhin heikle Fragen über Defizitquoten, Verschuldungsgrenzen oder Zinseffekte der Staatsschuld. In Summe ist es sehr unwahrscheinlich, dass die MMT in der Debatte über die Zukunft der Wirtschaftspolitik die Oberhand gewinnen wird. Zu unausgegoren erscheinen zentrale Vorschläge ihrer Proponentinnen und Proponenten, zu marginal ist ihre Bedeutung in Theorie und Politik, zu gewichtig sind die Einwände.