Rudolf K. Höfer ist emeritierter Universitätsprofessor für Kirchengeschichte an der Universität Graz und Vorstandsmitglied der Laieninitiative (Buchtipp: "Kirchenfinanzierung in Europa", 2014). - © privat
Rudolf K. Höfer ist emeritierter Universitätsprofessor für Kirchengeschichte an der Universität Graz und Vorstandsmitglied der Laieninitiative (Buchtipp: "Kirchenfinanzierung in Europa", 2014). - © privat

Das vom NS-Regime am 1. Mai 1939 auferlegte Kirchenbeitragsgesetz wirkt als Hauptmotiv für die Kirchenaustritte in Österreich katastrophal. Nach der Annexion Österreichs durch Hitler-Deutschland 1938 setzte ein Jahr später der damalige Reichsstatthalter Arthur Seyß-Inquart das Kirchenbeitragsgesetz in Kraft. Er selbst wurde 1946 wegen Kriegsverbrechen zum Tod verurteilt und hingerichtet. Das Gesetz hingegen hat bis heute überdauert. Seit damals sind einige Kirchen zu Finanzbehörden geworden. Der Glaubwürdigkeit dient das wenig, ebenso wie die katholische Kirche durch Missbrauchsskandale und Vertuschung bis in höchste Ebenen schwer gelitten hat. Ist eine Wende möglich, wie Kardinal Reinhard Marx jüngst forderte? "Kirche darf Menschen nicht von oben herab begegnen." Machtgehabe ist nicht mehr gefragt.

Ein Relikt des Nationalsozialismus

Das von Seyß-Inquart erlassene Gesetz hat vor 80 Jahren Katholiken, Evangelischen, Reformierten und Altkatholiken den Kirchenbeitrag auferlegt, mit dem Ziel, "einen vernichtenden Schlag gegen die Kirchenorganisation" (Zitat Gauinspektor Hans Berner) zu führen. Die Bischöfe haben damals mutig, geschlossen und schriftlich dagegen protestiert. Als Relikt des Nationalsozialismus führt der Kirchenbeitrag seit den 1970er Jahren zu steigenden Kirchenaustritten. Somit wirkt die Intention, mit der er erfunden wurde, unvermindert weiter. Der fortschreitende Rückgang der Zahl der Katholiken in Österreich von 89 Prozent im Jahr 1950 auf heute 57 Prozent durch die Austritte rückt die Kirchen zunehmend "an den Rand" (Zitat Kardinal Christoph Schönborn). Die katholische Kirche allein verzeichnete von 1945 bis 2018 etwa 2,4 Millionen Austritte, aber sie betreffen auch evangelische, altkatholische und reformierte Kirche.

Arthur Seyß-Inquart wollte mit dem Gesetz die Kirchen schädigen. - © afp
Arthur Seyß-Inquart wollte mit dem Gesetz die Kirchen schädigen. - © afp

Neben Faktoren wie Säkularisierung und Demografie ist der Kirchenbeitrag für zwei Drittel der Ausgetretenen das Hauptmotiv, so die katholische Bischofskonferenz im Amtsblatt 1998. Die Kirchensteuer in Deutschland führt ebenso zu hohen Austrittsraten, in Südtirol (Bozen-Brixen, Italien) gab es 2018 dagegen nur 14 Austritte.

Es muss außer Frage gestellt sein, dass Religionsgemeinschaften zur Erfüllung ihrer vielen Aufgaben die erforderlichen Mittel brauchen. Spenden allein reichen nicht und könnten zu Abhängigkeit und Vorgaben durch die Spender führen, wie auch die häufig kritisierte Finanzierung aus dem Ausland. Eine Zusatzsteuer durch Lohnabzug wie die Kirchensteuer in Deutschland ist für keinen Finanzminister attraktiv. Eine zusätzliche Belastung ist der Bevölkerung nicht zumutbar.