Gerfried Sperl war von 1992 bis 2007 Chefredakteur des "Standard". Er gibt die Booklet-Reihe "Phoenix" heraus. Kontakt: gerfried.sperl@gmx.at - © apa/Hbf/Dragan Tatic
Gerfried Sperl war von 1992 bis 2007 Chefredakteur des "Standard". Er gibt die Booklet-Reihe "Phoenix" heraus. Kontakt: gerfried.sperl@gmx.at - © apa/Hbf/Dragan Tatic

Die alte Seidenstraße gibt es noch immer. Aber sie ist zum Abenteuer für Asien-Touristen geworden und als "Heroin-Highway" zum Hotspot für Drogendealer und Spezialeinheiten der Polizei. Die neue Seidenstraße ist seit 2013 als Infrastrukturkonzept Chinas ein gewaltiges Indiz für die Realisierung des chinesischen Anspruchs, das neue Weltzentrum zu werden. Während US-Präsident Donald Trump laufend internationale Verträge aufgekündigt hat, fand in Peking Ende April eine Konferenz zur "Belt and Road Initiative" statt, an der 38 Staats- und Regierungschefs, darunter auch Bundeskanzler Sebastian Kurz, teilnahmen. Das Signal: Öffnung und Kooperation statt Isolation und Zwist.

Vor allem in ländlichen Regionen spürbar

Vieles an der leisen Expansion der chinesischen Wirtschaft bleibt den Stadtmenschen verborgen. Sie geht auf dem Land vor sich: Um 30 bis 50 Prozent billiger als europäische Traktoren sind ihre chinesischen Rivalen. Ein 75 PS starker Traktor der Marke Dongfeng beispielsweise kostet nur 30.000 Euro. Foton-Agrarschlepper (Tagesproduktion: 500 Stück) werden mit Perkins-Motoren von AVL List in Graz ausgestattet. Oder: Im Internet berichten junge Bauern, dass sie für 8000 Euro Selbstbaukästen von chinesischen Traktoren der Marke Jinma erwerben und die Teile wie ein Ikea- oder Kika-Möbel schnell und einfach zusammenbauen. Auf den Autobahnen verkehren immer mehr Trucks made in Ostasien - sie sind ein Resultat des 2011 fixierten 50:50-Ventures zwischen Foton und Daimler-Benz. Unter der Marke Lovol Aumann gibt es auch Bagger und Erntemaschinen zu Preisen, die von EU-Herstellern nicht zu schlagen sind.

Chinas Brückenschlag nach Europa (hier eine Installation beim "Belt and Road Forum" in Peking) wird noch weiter intensiviert. - © reuters/Jason Lee
Chinas Brückenschlag nach Europa (hier eine Installation beim "Belt and Road Forum" in Peking) wird noch weiter intensiviert. - © reuters/Jason Lee

Große Lkw, kleine Pkw - auch bei den Kleinwagen hat ein chinesischer Autokonzern kürzlich zugeschlagen. Seit etwa einem Jahr besitzt der private chinesische Hersteller Geely 10 Prozent der Aktien von Daimler Benz. Ende März wurde bekanntgegeben, dass der Stuttgarter Autoriese und Geely ein 50:50-Venture für die Smart-Produktion gründen. Das Design kommt aus Stuttgart, E-Motor und Antrieb aus China. Produziert wird nur noch in China. Die bisherigen Fabriken in Frankreich und Slowenien sollen größere Mercedes fertigen.

Hochgeschwindigkeitszüge
und superschnelles Internet

Wie im Seidenstraßen-Konzept vorgesehen investiert China zugleich in die europäische Infrastruktur, speziell die südosteuropäische. Zwei Autobahnprojekte sind fix: eines von Athen nach Belgrad und das zweite von Belgrad nach Budapest. Passend dazu errichten die Chinesen im Hafen von Piräus einen Container-Terminal. Um die Erreichbarkeit Westeuropas zu steigern, hat man sich auch die Häfen von Genua und Triest eingeklinkt. Letzterer ist bekanntlich der Hauptexporthafen Österreichs. Jene chinesischen Hochgeschwindigkeitszüge, die - als erste Eisenbahngesellschaft in der EU - die private Westbahn geordert hat, sollen irgendwann Mitte der 2020er Jahre über den Semmering- und den Karawankentunnel auch Triest erreichen. Der Einstieg chinesischer Investoren in westeuropäische Bahnbetreiber ist nicht mehr ausgeschlossen.