Immanuel Kant, gemalt von Gottlieb Doebler (1791).
Immanuel Kant, gemalt von Gottlieb Doebler (1791).

1945 gründeten Simone de Beauvoir, Jean-Paul Sartre, Raymond Aron, Maurice Merleau-Ponty und andere die Zeitschrift "Les Temps modernes". Der Titel war von Charlie Chaplins Film "Modern Times" ("Moderne Zeiten"; 1936) inspiriert. Die Zeitschrift errang eine weltweite Bedeutung, es gab kein wichtiges Thema, das nicht dort debattiert worden wäre. Bildung beruhte - damals - auf dem kompetenten Gebrauch der kritischen Urteilskraft. Dafür stand die Zeitschrift.

Zuletzt war Claude Lanzmann Herausgeber, er starb im Juli 2018. Wenig später teilte der Verlag Gallimard mit, dass die Zeitschrift nicht mehr wie bisher erscheinen werde. Mit der Zeitschrift verschwindet ein Instrument der kritischen Urteilskraft aus unserer jüngeren Vergangenheit. Die Gründe sind vielfältig. Der Eintritt ins digitale Zeitalter wurde verpasst, die Anhänglichkeit des Publikums schwand dahin. Braucht es diese Art kritischer Urteilskraft nicht mehr? Es geht, wohlgemerkt, nicht schlicht um Urteilskraft, sondern konkret um "kritische Urteilskraft", wie sie schon Immanuel Kant ins Spiel gebracht hatte.

Wolfgang Schmale ist Professor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Wien und Mitglied im Board der Forschungsplattform "Data Science" (https://datascience.univie.ac.at). - © privat
Wolfgang Schmale ist Professor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Wien und Mitglied im Board der Forschungsplattform "Data Science" (https://datascience.univie.ac.at). - © privat

Historisch befand sich das Interesse an "kritischer Urteilskraft" 1940 an einem Tiefpunkt, Anfang der 1950er Jahre dann auf einem Höhepunkt. Im Zusammenhang von "1968" steigerte sich das Interesse daran erneut. Doch heute? Befragt man Google Trends, gibt es keine Antwort, weil zu selten nach "kritische Urteilskraft" gesucht wird. Zu wenige Daten konnten gesammelt werden - was keine Daten produziert, ist inexistent. Kein Wunder, dass die Zeiten für "Moderne Zeiten" vorbei sind.

Die Befreiung aus den Ketten der Daten-Sklaverei

Tatsächlich droht der Wert von "kritischer Urteilskraft" nicht zuletzt in Diskussionen über die "Bildung von morgen" aus den Augen verloren zu werden. Speziell im digitalen Zeitalter, in das wir Mitte der 1990er Jahre eingetreten sind - es löste das sogenannte Computerzeitalter ab -, verkommt der Erwerb von Kompetenzen immer mehr zum Erwerb von Anwenderkompetenzen. Diese sind wichtig, und je mehr die Digitalisierung voranschreitet, umso breiter wird die Palette an Situationen, in denen digitale Anwenderkompetenz gefragt ist.

Doch wo ist die Anwenderkompetenz, wenn man sich anschaut, mit welcher Nonchalance gut zwei Milliarden Nutzerinnen und Nutzer (das Wort Nutzer beziehungsweise User sagt eigentlich alles!) die Datenskandale bei Facebook & Co. wegstecken oder gar ignorieren? Umfassende Gesichtserkennung an immer mehr Plätzen im öffentlichen Raum? Kein großes Thema. Nutzung von Alternativen zu den Angeboten der digitalen Weltkonzerne? Das bleiben Insidertipps von Freaks für Freaks. Wer mag sich schon mit Aral Balkans "Building the people’s internet" befassen? Zwar könnte sich jeder aus den Ketten der Daten-Sklaverei befreien, aber fast niemand tut es. Hier fehlt kritische Urteilskraft, und zwar die, die einen dazu bringt, aus dem bequemen Sessel aufzustehen und Energie in die eigene Freiheit zu investieren.