"Die Menschen hier sind in ihren Gedanken gefangen, weil sie an einem Ort festgehalten werden, wo sie fast nichts machen können", erklärt Hisham Sofrani, Sozialarbeiter von Ärzte ohne Grenzen. "Für die psychische Gesundheit ist das höchst problematisch: Die Menschen werden erneut in einer Situation festgehalten, die sehr schwierig ist, und sie haben keine Zukunftsperspektive. So werden sie in Flashbacks immer wieder auf ihre Vergangenheit zurückgeworfen, insbesondere auf negative Erfahrungen."

Spiele und Entspannungsübungen als Therapie

Mentale Stimulation durch Schreiben und Zeichnen sowie Spiele wie Drei gewinnt können ein therapeutisches Mittel sein, um Menschen zu helfen, sich auszudrücken und mit den gefährlichen Situationen, denen sie tagtäglich ausgesetzt sind, umzugehen. Auch kann es helfen, den sozialen Zusammenhalt unter den Internierten, die aus unterschiedlichen Kontexten kommen und unterschiedlichste Erfahrungen gemacht haben, zu stärken. In Gefangenschaft kann ein Stift manchmal mehr bewirken als Pillen.

"Wir sagen nicht, dass wir garantieren können, dass wir all ihre Probleme lösen können, aber wir versuchen die negativen Folgen einer Inhaftierung zu minimieren. Wir versuchen, den Menschen mithilfe von Bewältigungsmechanismen und Aktivitäten beim Überleben zu helfen", sagt Sofrani. "Das Wichtigste ist, zu überleben."

Der Männertrakt der Haftanstalt. - © Sara Creta/MSF
Der Männertrakt der Haftanstalt. - © Sara Creta/MSF

Während Ärztinnen und Ärzte die Patientinnen und Patienten auf Krankheiten wie Atemwegsinfektionen, akuten wässrigen Durchfall, Krätze und Tuberkulose untersuchen, versammelt sich eine kleine Gruppe auf Fußmatten auf der anderen Seite des Zentrums, wo ein Betreuer mit ihnen über Stress spricht. Gemeinsam diskutieren sie, was Stress verursacht, welche Folgeerscheinungen wie zum Beispiel Schlafstörungen dieser hervorrufen kann und wie sie und ihre Freunde damit umgehen können. Im Stehen atmet die Gruppe tief ein und aus und führt einfache Entspannungsübungen durch. Die Gruppe folgt dem Betreuer aufmerksam und bei einigen zeichnet sich sogar ein Lächeln auf dem Gesicht ab. Die Gruppe wirkt zunehmend lebendiger.

Als sich der Arbeitstag in der Haftanstalt Anjila langsam seinem Ende zuneigt, sehe ich unbehaglich zu, wie Häftlinge zurück in ihre Zelle zurückgebracht werden. Am Ende brauchen die Menschen nicht bloß Ärztinnen und Ärzte, sondern jemanden der ihnen zuhört. Sie müssen wissen, dass sich jemand irgendwo um sie kümmert und sie mit der Würde behandelt, die sie verdienen.