In der westlichen Kultur wird Männlichkeit mit Ratio und Geist assoziiert, verbunden mit Kraft und Dominanz, also dem Gegenteil von Ausgeglichenheit. Im Gegensatz dazu wird Weiblichkeit wie selbstverständlich mit Gefühl, Natur und Körper verbunden - und in weiterer Folge dem männlichen konnotierten Verstand untergeordnet. Diese Abgrenzung und damit verbundene Abwertung als das "andere Geschlecht" ist ein wesentlicher Grundpfeiler patriarchaler Machtverhältnisse. Feminismus muss sich dieser Bedeutungswelten annehmen, nicht nur für eine Gleichstellung in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, sondern um unser aller Überleben zu sichern, wie die Ökonomin und Politologin Gabriele Michalitsch vor dem Gleichbehandlungsausschuss des Nationalrats im Rahmen der Behandlung des Frauenvolksbegehrens aufzeigte: Auch der Kampf gegen den Klimawandel bedarf einer fundamentalen Neuorientierung unseres Verhältnisses zur Natur und zum eigenen Körper.

Vermarktung des Feminismus

Auch die US-Flugpionierin Amelia Earheart (Relief: Monika Stahl) wird in der Ausstellung "Frauen schaffen Balance" gewürdigt. - © Monika Stahl
Auch die US-Flugpionierin Amelia Earheart (Relief: Monika Stahl) wird in der Ausstellung "Frauen schaffen Balance" gewürdigt. - © Monika Stahl

Tatsächlich wird aber der Feminismus selbst immer mehr zur Vermarktungsquelle. Große Modeketten verkaufen T-Shirts, Jutetaschen und Kaffeebecher mit der Aufschrift "This is what a feminist looks like" - ein an sich begrüßenswerter Trend, würde man meinen, identifizieren sich doch immer mehr Menschen offen mit dem Feminismus. Im Grunde aber bleibt er eine kollektive politische Praxis. Feminismus kann man nicht kaufen - man muss ihn leben, vor allem in der Vernetzung, Unterstützung und Solidarität mit anderen Frauen, deren Erfahrungs- und Lebenswelten so bunt und unterschiedlich sind wie wir Frauen selbst. Gerade wir weißen, ökonomisch gut situierten und privilegierten Frauen der Mittelschicht müssen darauf achten, die Stimmen unserer Mitstreiterinnen in anderen Ländern, Kulturkreisen und sozioökonomischen Schichten nicht nur zuzulassen, sondern aktiv zu hören, zu respektieren, ihnen Raum zu geben.

Denn besonders in der heutigen Zeit, wo Feminismus, auch dank #metoo und anderen wichtigen Bewegungen, im Mainstream angekommen ist, wird deutlich, wie sehr um Begrifflichkeiten und deren (politische) Bedeutung gekämpft wird. Scheinbar feministisch konnotierte Accessoires tragen auch zur Kommodifizierung der Frauenbewegung bei. Durch seine kommerzielle Verwendung und Verwertung wird der Begriff "Feminismus" in seiner Bedeutung immer auch ein Stück ausgehöhlt und semantisch entleert. Denn Feminismus und Kampf für Geschlechtergerechtigkeit sind eben mehr als bloß Werbeslogans.

Semantische Entleerung auf der einen und Bedeutungsaufladung auf der anderen Seite erkennen wir auch in der aktuellen politischen Situation, wo nicht nur auf der Diskursebene ganze gesellschaftliche Gruppen zu "Anderen" gemacht werden, seien es tatsächliche oder scheinbare Minderheiten: Ausländer, Geflüchtete, Muslime, aber auch Alleinerzieherinnen und Mindestsicherungsbezieher werden sprachlich abgewertet und gleichzeitig in eine vermeintlich homogene Gruppe zusammengefasst und dem kollektiven "Wir" antagonistisch gegenübergestellt. Die Gefährlichkeit dieser diskursiven Praxis, die häufig mit ökonomischer Prekarisierung einhergeht, liegt in der Entindividualisierung und Abgrenzung der "Anderen" (aufgrund von Herkunft, Geschlecht, Einkommen oder Religion) vom "Wir", dem sie per definitionem nicht angehören.

Polarisierung und Spaltung

Das führt leicht zur viel zitierten Polarisierung und Spaltung einer Gesellschaft, da die vermeintlich monolithischen Bevölkerungsgruppen nun mühelos voneinander abgegrenzt und gegeneinander in Stellung gebracht werden können. Abgrenzung stärkt nicht nur das kollektive "Wir"-Gefühl, sondern sichert vor allen Dingen den eigenen Status, ist es doch oft nur ein kleiner Schritt vom Abgrenzen zum Abwerten. Für viele, ebenso marginalisierte Schichten lässt sich in dieser diskursiven Abwertung zumindest noch ein letzter Rest von Überlegenheit und gesellschaftlicher Dominanz gegenüber den tatsächlich "Anderen" begründen. Hier gehen nationalistisches Gedankengut, Xenophobie und Wohlstandschauvinismus eine unheilvolle Allianz mit patriarchalen Strukturen ein.