Ulrich H. J. Körtner ist Ordinarius für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.
Ulrich H. J. Körtner ist Ordinarius für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

Bundespräsident Alexander Van der Bellen fand an Tag zwei nach Ibiza-Gate klare Worte, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließen. Verstörend war allerdings, was der Nationalratsabgeordnete und frühere Dritte Nationalratspräsident Martin Graf am Tag fünf der Krise sagte: "Wer heute den Stab über unseren Heinz-Christian Strache bricht, hat weder Ehre noch Treue und schon gar nicht politisches Gespür im Leib." Und er schwadronierte von einem "politischen Attentat auf die FPÖ". Man muss sich gar nicht erst an den Wahlspruch der SS - "Unsere Ehre heißt Treue" - erinnert fühlen, um zu erkennen, dass hier die ohnehin schon verschlissenen Begriffe Ehre und Treue völlig korrumpiert werden. Ehre und Treue gegenüber Politikern, die eine korrupte und demokratiefeindliche Gesinnung an den Tag gelegt haben: Das ist die Perversion jeglicher politischen Moral.

Was wir derzeit erleben, ist gottlob noch keine Staatskrise, sehr wohl aber eine Krise der politischen Klasse, wie sie die Zweite Republik noch nicht erlebt hat. Ein wohlgeordnetes politisches Gemeinwesen ist auch auf die moralische Integrität seiner Berufspolitiker angewiesen. Auch wenn letztlich alle Bürger politische Verantwortung tragen, kommt die moderne Demokratie nicht ohne Politiker aus, denen nicht nur auf Zeit Macht übertragen wird, sondern die Politik im Interesse der Allgemeinheit als Beruf ausüben und ihr Handwerk beherrschen. Dies ist freilich ohne ein entsprechendes Berufsethos ebenso wenig denkbar wie der Beruf des Arztes oder auch der Beruf des Unternehmers. Der Begriff des ehrbaren Kaufmanns mag altmodisch klingen. In der Finanz- und Bankenkrise 2008 hatte er plötzlich wieder Konjunktur. Genauso braucht es moralisch integre Politiker und nicht etwa nur Technokraten der Macht.

Eine Maxime, die sicher nicht nur, aber doch auch Politikern ans Herz zu legen ist, stammt aus dem Munde Jesu, der seine Jünger wie Schafe unter die Wölfe sendete: "Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben." (Matthäus 10,16) Aufgabe der Politik ist es, für Frieden und Sicherheit zu sorgen, für Gerechtigkeit anstelle des Rechtes des Stärkeren, das dann herrscht, wenn der Mensch dem Menschen zum Wolf wird. Im christlichen Sinne als Politiker zu agieren, heißt keineswegs, die Rolle des dummen Schafes zu spielen, das den Wölfen zum Fraß wird. Die empfohlene Klugheit der Schlangen ist aber nicht mit Verschlagenheit zu verwechseln, soll sie sich doch mit Aufrichtigkeit und Vertrauenswürdigkeit paaren.

Noch ein Wort zur Rolle der Kirchen, die sich in den politischen Turbulenzen bisher auffallend zurückgehalten haben. Gewiss sollen sie zur Schärfung der Gewissen, ethischen Urteilsbildung und Förderung eines politischen Berufsethos beitragen, ohne in die Rolle des Moralapostels zu verfallen. Ihre ureigene Aufgabe ist es dem Neuen Testament nach freilich, für die politisch Verantwortlichen zu beten. Oder anders gesagt: die Politiker ins Gebet zu nehmen. Wenn dies nicht nur in frömmelndem Ton geschieht, sondern ganz konkret, die Probleme beim Namen nennend, dann ist solch ein (öffentliches) Gebet gleichermaßen ein religiöser wie ein politischer Akt.