Aber ist das so? Welche 20 Prozent sind es, die dann noch auf dem Land leben? Wie leben sie? Welche Folgen hätte eine derartige Verteilung für ländliche Infrastruktur, Landwirtschaft und Kulturlandschaft? Könnte eine andere Verteilung nicht ganz andere Fragen aufwerfen und daher eine ganz andere wissenschaftliche Bearbeitung erfordern? Anders wäre es, wenn über solche Zielsetzungen von Missionen öffentlich diskutiert und gesellschaftlich ausgehandelt würde, welche Entwicklung (aus welcher Perspektive in welchem lokalen, regionalen und nationalen Kontext) denn überhaupt erstrebenswert ist. Dabei kommt es darauf an, wie diese begründet sind und welche Werte ihnen zugrunde liegen.

Widersprüchliche Annahmen und Zielsetzungen

Ein anderer kritischer Aspekt ist, dass Annahmen und Zielsetzungen verschiedener Missionen in ihrer jeweiligen Umsetzung einander widersprechen. So könnte zum Beispiel an Innovationen geforscht werden, die eine möglichst automatisierte Bewirtschaftung von Agrarflächen durch schweres Gerät erlauben. Gleichzeitig könnten Innovationen vorangetrieben werden, um die zunehmende Erosion - oft durch schweres Gerät verstärkt - und den damit verbundenen Nähstoff- und Bodenverlust zu bekämpfen. Dieser Widerspruch kann die gutgemeinten Forschungsinvestitionen in beiden Fällen verpuffen lassen.

Letztlich bleibt die Frage, inwieweit Forschung vorgegebenen Missionen folgen kann, ohne den Anspruch zu verlieren, möglichst vielfältige Lösungen unter Beteiligung unterschiedlicher Akteure zu entwickeln. Kann überhaupt ein kreativer Funke überspringen, wenn alle Ziele immer schon ausbuchstabiert sind? Kann es ein "Heureka!" geben, lassen sich neue Ideen in neue Anwendungskontexte stellen, wenn das Ergebnis zumindest im Groben bereits feststeht?

Diskurse und Reflexionen über das Verhältnis von Missionsorientierung und Technikfolgenabschätzung aus theoretischer und praktischer Sicht stehen im Zentrum der heurigen ITA-Konferenz am 27. Mai an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Fallbeispiele zu Themen wie Energie und Klimawandel, demografischer Wandel oder Entwicklungen im Gesundheitssektor stellen verschiedene Folgen von Missionsorientierung dar und werden aus dem Blickpunkt der Forschung kritisch hinterfragt.