Diese Europawahl ist eine Nationalratswahl. Politisch gesehen. Wer diesen Sonntag nicht wählen geht, braucht eigentlich auch im September nicht wählen zu gehen. Denn wann hatten Wählerinnen und Wähler in Österreich je zuvor in der Geschichte ihres Landes die Möglichkeit, so rasch und unmittelbar auf dramatische innenpolitische Entwicklungen zu reagieren? Wer diese einzigartige Gelegenheit nicht nutzt, um über die künftige Politik in Österreich mitzubestimmen, darf künftig nie mehr lamentieren, dass er eh nichts zu melden habe.

Denn das Ergebnis von Sonntag wird die innenpolitische Entwicklung ab Montag entscheidend beeinflussen. Man muss nur bedenken, wie stark viele politische Entscheidungsträger sich von Meinungsumfragen treiben lassen, bei denen vielleicht 500 Leute befragt werden. Um wieviel mehr muss das bei einer Wahl mit sechs Millionen Wahlberechtigten gelten!

Die Europawahl ist so wichtig wie eine Nationalratswahl – das gilt auch in weniger dramatischen Tagen wie diesen. Tagein tagaus wird in Österreich beklagt, wie sehr sich "die EU" doch angeblich in den Alltag des Landes einmische. Wer so denkt, kann nur einen einzigen Schluss ziehen: Dann mische ich mich eben bei der EU ein! Genau das geht bei der Europawahl. Denn die Parlamentarier sind beinahe genau so mächtig wie Europas Regierungen. Sie entscheiden über so gut wie alle EU-Gesetze gleichberechtigt und auf Augenhöhe mit Kanzlern und Ministern. Wer sich eine solche Gelegenheit entgehen lässt, kann auch im September daheim bleiben statt über Kanzler und Minister mitzuentscheiden.

Sie sind nicht alle gleich

Auch Verdrossenheit über "die Politiker" ist kein Grund, seine demokratischen Rechte am Sonntag nicht auszuüben. Die Politiker sind eben nicht "alle gleich". Die Bilder von Ibiza haben gezeigt, wer nicht vertrauenswürdig ist. Das ist aber kein Grund, alle Politiker in Bausch und Bogen zu verdammen. Wer das tut, beschert der Ibiza-Partie ihren letzten Triumph: Ihr eigenes Fehlverhalten hätte dann die österreichische und europäische Demokratie insgesamt beschädigt. Sonntag wäre dann ein Freudentag für autoritäre Herrscher.

Die Wahrheit ist: Fast alle Politikerinnen und Politiker in Österreich sind ehrlich bemüht, dem Wohle des Landes zu dienen. Viele wollen zugleich auch dem Wohl unseres gemeinsamen Europa dienen. Ich schreibe das als Nicht-Österreicher, der aber beruflich mit vielen von ihnen zu tun hat. Natürlich schauen Politiker zusätzlich auch nach ihrem persönlichen Wohlergehen. Sie sind Menschen, keine Heiligen. Sie und ich gehen ja in der Früh auch nicht nur allein deshalb in die Arbeit, um Ruhm und Ehre unseres Arbeitgebers zu mehren. Unsere Kinder wollen auch essen. Auch wir haben persönliche Interessen und Bedürfnisse.

Die Verantwortung und die Chance jedes einzelnen Österreichers, jeder einzelnen Österreicherin ist es, am Sonntag diejenigen zu belohnen, die das Wohl des Landes – und Europas – über diese persönlichen Interessen stellen. Und diejenigen abzustrafen, die das andersherum halten. Dokumente wie das Ibiza-Video helfen bei der Unterscheidung. Es sollte unser Urteilsvermögen schärfen. Es sollte uns nicht blind vor Wut machen oder, schlimmer noch, abstumpfen. Ibiza ist der ultimative Grund, zur Europawahl zu gehen. Nicht nur, weil man dank der EU dort ohne Grenzkontrollen hinreisen kann – und seinen Wodka in Euros bezahlen.