Wien. Wien wird in vielen Umfragen als eine der weltweit lebenswertesten Städte geführt. In der Vergleichsstudie des internationalen Beratungsunternehmen Mercer belegt Wien schon das zehnte Jahr in Folge Platz eins. Viele Dinge werden hier bewertet, darunter Infrastruktur, Freizeitangebote, wirtschaftliches und soziales Klima. Dazu kommen zwei weitere Dinge, die Österreichs Bevölkerung oft als selbstverständlich ansieht: die Qualität des Wassers und die Sicherheit, die man in Wien - und überall im ganzen Land - genießt.

Eines meiner liebsten Museen ist das Heeresgeschichtliche Museum, nicht nur wegen der Architektur und der Exponate. Besonders das Motto "Kriege gehören ins Museum" hat es mir angetan. Nach nunmehr 71 Jahren, in denen sich Israel gegen Krieg, Gewalt und Terror behaupten musste, würde ich mir wünschen, militärisches Gerät nur noch in Museen zu sehen.

Aufmerksamkeit und Sorge
begleitet uns Israelis immer

Bewaffnete Soldatinnen sind ein fixer Bestandteil des israelischen Straßenbildes. - © Karin Kosina
Bewaffnete Soldatinnen sind ein fixer Bestandteil des israelischen Straßenbildes. - © Karin Kosina

Als Israeli ist mein Blick auch in Alltagssituationen ein anderer. Wenn ich zum Beispiel in einem Park oder an einer Bushaltestelle einen verlassenen Koffer oder Rucksack sehe, schlagen meine Instinkte an: Wem gehört diese Tasche? Was befindet sich darin? Ist es ein Sprengsatz? Die Menschen in Österreich gehen einfach vorbei und denken sich wahrscheinlich nichts dabei. Die Jahre, in denen Israel von Brief- und Paketbomben sowie Selbstmordanschlägen heimgesucht wurde, haben meine Weltsicht geprägt.

Talya Lador- Freshner wurde 1962 in Petach Tikwa geboren. Nach ihrem Militärdienst studierte sie Betriebswirtschaft und Politikwissenschaft und trat 1989 in den Diplomatischen Dienst ein. Nach Stationen in Jamaika, New York und London ist sie seit 2015 Botschafterin Israels in Österreich und Slowenien. - © S. Nuechtern
Talya Lador- Freshner wurde 1962 in Petach Tikwa geboren. Nach ihrem Militärdienst studierte sie Betriebswirtschaft und Politikwissenschaft und trat 1989 in den Diplomatischen Dienst ein. Nach Stationen in Jamaika, New York und London ist sie seit 2015 Botschafterin Israels in Österreich und Slowenien. - © S. Nuechtern

Die Aufmerksamkeit und Sorge begleitet uns Israelis immer. Als Botschafterin des Staates Israel bin ich stets mit dem Personenschutz des Einsatzkommando Cobra unterwegs. Bereits nach wenigen Wochen in dieser Position fühlte ich mich wie die Mannschaft des FC Liverpool: "You’ll never walk alone." Es erstaunt mich immer wieder, wenn beim Einkauf Mitarbeiter des Geschäfts mit Unsicherheit reagieren: "Oh, Securities! Ist etwas passiert?" Die stete Anwesenheit dieser Beamten sorgt dafür, dass eben nichts geschieht. Das gibt mir persönlich Sicherheit, aber ich finde es merkwürdig, dass in Österreich die Präsenz der Exekutive hauptsächlich als Reaktion auf einen Vorfall wahrgenommen wird.

Leider ist in den vergangenen Jahren die Zahl antisemitischer Vorfälle in Europa (auch in Österreich) gestiegen. Die israelische Botschaft hat eine enge Beziehung zur jüdischen Gemeinde, und wir nehmen oft gemeinsam an Veranstaltungen teil. Ich schätze sehr die Unterstützung der Exekutive und verschiedener Institutionen, die zusammenarbeiten, um Jüdinnen und Juden zu schützen. In Israel ist es zudem selbstverständlich, dass auch Frauen einen Pflichtdienst für die Gemeinschaft leisten, sei es in der Armee oder im Zivildienst. Ich bin jedes Mal stolz, wenn ich Fotos unserer Pilotinnen, Kapitäninnen oder Frauen in militärischen Führungspositionen sehe. Umso mehr freute ich mich, als die erste Gedenkdienerin Österreichs sich entschied, an der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem zu arbeiten.

Im Leben mag vieles nicht sicher sein, eines jedoch schon: Für mich ist Wien die lebenswerteste Stadt.