"Es ist eine sehr schwierige Situation für die Menschen mit denen ich spreche. Sie müssen sich mit Traurigkeit, Depressionen, Schuldgefühlen und Selbstmordgedanken auseinandersetzen", erklärt Felipe. "Sie haben Schlafstörungen und leiden unter Angst, weil die Wartelisten für die Einleitung von Asylverfahren sehr lang sind, ihr Ausgang ungewiss." Er und seine Kollegen beobachten diese Art seelischer Traumata jeden Tag.

"5000 Dollar Lösegeld, umsonst"

Der Honduraner José wurde während seiner langen Reise durch Mexiko ausgeraubt und verschleppt. Aufgrund von Todesdrohungen gegen seine Familie floh er mit seinen Geschwistern an die mexikanische Grenze. Doch sie fanden keinen Schutz. José erinnert sich schmerzvoll an die Entführung seiner Schwester, als sie in Nuevo Laredo ankamen.

"Als wir aus dem Bus stiegen, schleppten einige Männer meinen Bruder und mich weg, meine Schwester brachten sie woanders hin. Nach ein paar Stunden wurden mein Bruder und ich freigelassen, meine Schwester jedoch nicht. Wir haben bisher noch keine Nachricht von ihr erhalten. Ich weiß nicht, wer uns helfen kann. Wir trauen der Polizei hier nicht. Unser Plan war es, einen Asylantrag in den USA zu stellen. Ich möchte hier aber nicht weg, solange ich nicht weiß was mit ihr passiert ist".

In unseren Einrichtungen sehen wir, wie schwierig es für die Menschen und ihre Familien ist, sich ein neues Leben aufzubauen und eine neue Identität zu finden. Sie leben in Mexiko inmitten der Angst und befürchten zugleich, in ihre Herkunftsländer zurückkehren zu müssen.

"Die Gangs ließen uns keine andere Wahl"

Margarita, eine 36-jährige Migrantin aus Guatemala, floh mit ihrem Mann und ihren drei Töchtern im Alter von sechszehn, sieben und sechs Jahren an die mexikanische Grenze. "Wir wurden zwei Jahre lang erpresst, bis der Tag kam, an dem wir nicht mehr bezahlen konnten. Ich habe mein Haus verpfändet und wir haben alles verkauft", erinnert sie sich. "Hier haben sie uns ein humanitäres Visum gegeben. Mein Traum war nie der American Dream, aber Mexiko ist keine Option für meine Familie."

Am Busbahnhof von Nuevo Laredo wurden sie beinahe entführt. "Sie wollten meine Töchter nehmen, ich schrie mit all meiner Kraft und wir schafften es zu entkommen", erzählt Margarita. "Wir werden hier warten, wie es uns gesagt wurde, bevor wir dann Asyl in den Vereinigten Staaten beantragen." Sie sagt es mit Resignation, da sie weiß, dass ihr momentan keine andere Wahl bleibt. Ihre jüngste Tochter ist sich trotz ihrer sechs Jahre bewusst, was ihre Familie durchlebt hat.Auf die Frage "Willst du, dass wir zurück nach Guatemala gehen?" antwortet sie ohne zu zögern: "Nein, weil sie dich dort töten."