Seit Jahrzehnten belegt die Europäische Wertestudie die kontinuierliche Erosion kirchlicher Zugehörigkeit bei jungen Menschen. Zugleich zeigen religionssoziologische Studien, dass sich junge, insbesondere gebildete junge Frauen durchaus für Spiritualität interessieren. In der Katholischen Kirche sind sie allerdings zunehmend seltener zu finden. Droht der Kirche nach dem Verlust der Arbeiter nun der Verlust der Frauen?

Wer in dieser stillen Abwanderung nur ein Phänomen des säkularisierten Westens oder ein "Gesundschrumpfen" der Kirche erkennen will, redet sich das Problem klein. Denn im Zeitalter medial beschleunigter Globalisierung hat die Emanzipation der Frauen längst auch jene auf anderen Kontinenten erfasst. Außerdem hängt diese Entwicklung zu linear mit selbstverursachten Kirchenkrisen zusammen, als dass man darin ein für die Kirche positives Phänomen sehen dürfte.

Die Befreiung der Frauen gehört zu den großen globalen Trends des 20. und 21. Jahrhunderts. Papst Johannes XXIII. hat in seiner Enzyklika "Pacem in Terris" (1963) die Emanzipation der Frau weitsichtig zu den "Zeichen der Zeit" gezählt. Das bedeutet: Er hielt sie für ein geschichtliches Ereignis, das die Kirche verpflichtet, es im Lichte des Evangeliums zu deuten. So formuliert es die Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils "Gaudium et Spes". "Zeichen der Zeit" sind deshalb immer auch Weckrufe für die Kirche. Sie fordern diese zu selbstkritischem Innehalten auf. Auch wenn die von Papst Franziskus eingerichtete Vatikanische Kommission zum Frauendiakonat nicht zu einer Übereinstimmung kam: Den Weckruf hat der Papst ernstgenommen.

Kein "Aufstand der Frauen" gegen "die Kirche"

Regina Polak ist Assoziierte Professorin und Leiterin des Instituts für Praktische Theologie der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Buchtipp: Christian Friesl/Julian Aichholzer/Sanja Hajdinjak/Sylvia Kritzinger (Hg.): "Quo vadis, Österreich? Wertewandel zwischen 1990 und 2018" (Czernin Verlag 2019). - © Joseph Krpelan
Regina Polak ist Assoziierte Professorin und Leiterin des Instituts für Praktische Theologie der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Buchtipp: Christian Friesl/Julian Aichholzer/Sanja Hajdinjak/Sylvia Kritzinger (Hg.): "Quo vadis, Österreich? Wertewandel zwischen 1990 und 2018" (Czernin Verlag 2019). - © Joseph Krpelan

Dieser Weckruf ertönt mittlerweile aus dem Innersten der Kirche. Frauengruppen in Österreich, Deutschland und der Schweiz - wie zum Beispiel der deutschlandweite Kirchenstreik "Maria 2.0" oder die österreichische Initiative "bleiben erheben wandeln" - melden sich medial zu Wort. Man kann solche Methoden und auch so manches theologische Statement durchaus begründet fragwürdig finden. Aber wenn man diese Initiativen als einen "Aufstand der Frauen" gegen "die Kirche" versteht - wie das sowohl sensationslüsterne Medien als auch kirchliche Gegner dieser Projekte tun -, polarisiert man und verkennt deren Wesen. Denn hier ziehen nicht wildgewordene Kirchenfeindinnen in den Krieg, um mit "den Klerikern" abzurechnen. Vielmehr trifft man auf überzeugte Katholikinnen, die ihr Leben als ehrenamtlich Engagierte, als Pastoralassistentinnen, Religionslehrerinnen oder Theologinnen in den Dienst der Kirche gestellt haben. Die Frauenfrage ist mitten im Herzen der Kirche angekommen. Das sollte die Kirchenleitung nicht übersehen. Übersehen sollte sie auch nicht die Liebe dieser Frauen zur Kirche, deren Treue und Loyalität.